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Legasthenie als Talentsignal von Anni Schmuck
Nur eine Hoffnung die wieder mit einer Enttäuschung endet? Barbara war ganz gut durch das erste Schuljahr gekommen. Doch mit dem zweiten Schuljahr wurde deutlich, dass es mit Lesen und Schreiben Schwierigkeiten gab. Das Üben von Lesen und Schreiben wurde intensiviert und trotzdem kam von der Lehrerin der Vorwurf, es würde nicht genug getan. Das Üben zu Hause wurde langsam nervenaufreibend. Die Fehlerzahl in den Diktaten ging weiter nach oben. Die Spirale des vermehrten Übens und der schlechten Ergebnisse drehte sich immer schneller. So konnte das nicht weitergehen. Also wurden alle Möglichkeiten, die für die Unaufmerksamkeit von Barbara als Ursache in Frage kamen, überprüft. Dann das Ergebnis: Barbara ist Legasthenikerin. Nun hatte man die Möglichkeit, die Probleme in den Griff zu kriegen. Glaubten wir. Also jede Woche einmal zur Therapie. Jeden Tag zu Hause die Legasthenie-Übungen machen. Und das Ergebnis? Keine großartigen Änderungen in den Ergebnissen beim Lesen und Schreiben. Nur bei Barbara jede Woche die Gewissheit: Ich bin anders als die Anderen. Alle kriegen mit, dass ich "zur Nachhilfe" muss. Ich will aber so sein wie die anderen Kinder.Nach ca. neun Monaten die Feststellung der Therapeuten: Unser Programm hat Barbara sehr gut bewältigt. Neues zum Üben gibt es nicht mehr, Barbara soll weiterüben aber es ist jetzt schon klar, dass sie immer schlecht Lesen und Schreiben wird. Eine tolle Motivation fürs weitere Üben! Dann, Mitte der dritten Klasse, kommt das Buch "Legasthenie als Talentsignal" von Ronald Davis ins Spiel. Er behauptet Legastheniker sind Bilderdenker und beschreibt in seinem Buch ein legasthenisches Kind in seiner Entwicklung. Sofort ist klar, dass hier die Entwicklung von Barbara beschrieben wird. Sollte es doch einen Weg für Barbara geben "normal" Lesen und Schreiben zu können? Nach gründlicher Information folgte dann das einwöchige Training nach der Davis-Methode. Würde Barbara verstehen um was es beim "Geistigen Auge" und dem "Punkt" geht, würde sie ihre Bilder finden? Alles war so logisch im Buch beschrieben worden, aber verstand das ein Kind?
Aber Barbara konnte sofort mit den Begriffen arbeiten und verstand was gemeint war. So wurde ihr Geistiges Auge an den Punkt gebracht. Und es war erstaunlich, dass sie schon am zweiten Tag kleine Sätze fließend lesen konnte. Und dann war natürlich noch der Hauptansatzpunkt von Ronald Davis: BILDER SCHAFFEN. Knete ist hier das ideale Material. Zuerst kommt das Alphabet dran. Jeder Buchstabe wird geknetet und anschließend mit seinem Laut angesprochen. Und das funktioniert zum Schluss kreuz und quer durch die Buchstabenreihe mit den jeweiligen Buchstabennachbarn bei geschlossenen Augen. Das Kneten von Begriffen bzw. abstrakten Wörtern geht nach folgendem Ablauf: ein Begriff wird besprochen die Bedeutung herausgearbeitet Beispielsätze werden vom Kind gebildet, um zu überprüfen ob das Erklärte auch verstanden wurde jedes Kind macht zu seinem Bild oder Beispielsatz ein Knetmodell, das alle wichtigen Aussagen des Begriffs enthält, aber alles Überflüssige weg lässt die Buchstaben zu dem Begriff werden aus Knete gebildet und unter das Modell gelegt dann wird der Begriff vom Kind mit seinen eigenen Worten erklärt, das Wort gelesen und anschließend aus dem Gedächtnis heraus buchstabiert.
Über das Erarbeiten des Knetmodells und der Buchstaben festigt sich das Wortbild im Gedächtnis und kann dann bei Bedarf jederzeit aus dem geistigen Fotoalbum herausgeholt werden. Das Kind muss dann das Wort im Diktat nur noch aus dem Album "abschreiben". So einfach kann das sein. Was sich jetzt so einfach anhört muss aber Schritt für Schritt erarbeitet werden. Jedes Wort, das kein Bild hat, bekommt ein Bild. Das hört sich jetzt nach einem riesigen Wortberg an, der abgearbeitet werden muss. Aber es ist erstaunlich wie viele Wörter man z. B. innerhalb eines Jahres bewältigen kann. Die wichtigsten " Auslösewörter" hatten wir in diesem Zeitraum bewältigt. Unterstützt wird dieses "Wortbild bilden" durch das sogenannte "Streifenlesen", das man fünf Minuten am Tag macht. Dabei wird mit Hilfe von zwei Papierstreifen der zu lesende Text abgedeckt. Dann wird das erste Wort langsam, Buchstabe für Buchstabe aufgezogen. So kann auch hier ein Wortbild entstehen, das die Arbeit des Knetens unterstützt und erweitert.
Doch auch das normale Lesen wird geübt. Täglich zehn Minuten reichen. Und durch das Zusammenspiel von Kneten, Streifenlesen und normalem Lesen wird die Lesefertigkeit schon nach ca. drei Monaten deutlich verbessert. Beim Schreiben sind nach ca. 6 Monaten schon Erfolge sichtbar. Hier wird durch das Üben endlich mal sichtbar eine Verbesserung erzielt. Eine Hoffnung wird durch Üben mit Erfolg belohnt. Und Barbara hat sehr schnell gemerkt, dass sie mit der Davis-Methode ein Werkzeug bekommen hat, das ihr half besser zu werden. Und "Besser werden" schafft Motivation! Und das tägliche Ballspielen ist sowieso eine willkommene Abwechslung, vom Schreibtisch wegzukommen und sich zu bewegen. Es wird damit auf eine andere Art geübt, das Geistige Auge an den Punkt zu bringen. Die Arbeit mit dem Ball auf einem Bein trainiert den Gleichgewichtssinn. Denn der Gleichgewichtssinn und das Gehör hängen auch am Punkt.
Bei den ganzen täglichen Übungen ist eines ganz wichtig: Es sind genügend Pausen und Erholungszeiten einzuhalten. Mit der langfristigen Arbeit nach der Davis-Methode ist es Barbara gelungen, einen in Deutsch mit einem befriedigendem Ergebnis und ohne Deutsch-Legasthenie-Erlass durch die Schule zu kommen und auch die Bedingungen für das Gymnasium zu erfüllen. Das war ihr wichtigstes Ziel.
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Ein Artikel aus dem Lichtstrahl-Magazin. |