„Wie um alles in der Welt kommen Menschen
auf die ungewöhnliche Idee, über glühende Kohlen
zu gehen, und viele tun dies sogar regelmäßig?“
– Eine gute Frage, für die es vielschichtige Antworten
gibt. In der mehrjährigen Tätigkeit als Feuerlauf-Trainer
habe ich immer wieder feststellen können, dass es dem Menschen
ein natürliches Bedürfnis zu sein scheint, etwas wirklich
Außergewöhnliches zu tun. In dieser menschlichen Eigenschaft
liegt ein großer Wert. Etwas tatsächlich zu tun, von
dem wir erst einmal nicht erwarten, dass es funktioniert, verändert
unser Bild von uns selbst und damit „unserer Welt“ zutiefst.
Das, was wir uns in unserem Leben zutrauen, hängt im Wesentlichen
mit unseren tatsächlichen Erfahrungen zusammen. Durch einen
barfüßigen Gang über die glühenden Kohlen können
wir eine eindrucksvolle Referenz zu positiven Überzeugungen
unseres Selbst setzen. Erstaunlicherweise funktioniert dies auch
für die Menschen, die sich für ein ehrliches „Nein“
entscheiden und nicht über die glühenden Kohlen gehen.
Die Erfahrung hat immer wieder gezeigt, dass ein klares „Nein“
zum richtigen Zeitpunkt wesentlich richtungsweisender, wertvoller
und aufbauender sein kann, als ein halbherziges „Ja“
zum falschen Zeitpunkt. Das bedeutet für uns letzten Endes,
dass der eigentliche Feuerlauf nicht das wirklich Bedeutende ist,
vielmehr die aufrichtige Auseinandersetzung mit unseren Überzeugungen!
Im Angesicht des beeindruckenden Feuers – einer unbestechlichen
Instanz – gelingt dies besonders gut.
Ein Feuerlauf erfordert unter anderem:
• Ein hohes Maß an Bereitschaft
• Ein inneres Verlangen, Negatives, Veraltetes zu verändern
• A --> A = Angst in Aktion zu verwandeln
• Mit anderen Menschen an einem Strang zu ziehen
• Die Quelle der Lebenskraft zu entdecken
• Grenzen des Verstandes zu überwinden
• Die Lösung von Blockaden
• Zweifel anzuerkennen und aktiv auszuräumen
Feuerlauf ist weder eine Erfindung von ein paar Ausgeflippten, die
bei einer Grillparty nach ein paar Bier mal eine coole Idee hatten,
noch das Ergebnis eingehender Studien von Mentaltrainern. Das Feuerlaufen
hat eine erdweite Geschichte und es finden sich Spuren davon in
vielen Traditionen, die zum Teil auch heute noch lebendig sind.
Bekannte Feuerläufer sind die Kahuna auf Hawaii, einzelne Traditionen
auf Bali und in Indien, die Anastenariden in Griechenland, einige
Stämme Nordamerikas, Afrikas etc.. Einige dieser Traditionen
sind in entsprechender Literatur ausgiebig studiert und eingehend
beschrieben worden. Die mit dem Feuerlauf in allen Kulturen verbundenen
Rituale sind so vielfältig, wie die Völker unterschiedlich
sind. Gleichzeitig gibt es eine Komponente, die sich bei aller Verschiedenheit
durch alle Kulturen zieht: Der innere Kontakt zu „Gott“,
„Spirit“, dem „universellen Wissen“, oder
wie auch immer wir dies bezeichnen mögen, spielt eine sehr
entscheidende Rolle. Sinn und Zweck in vielen dieser traditionsreichen
Rituale ist, über „die Begegnung mit dem Feuer“
in einen solchen Kontakt zu treten und sich selbst als ein „Stückchen
göttlich“ zu erleben.
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Der moderne Feuerlauf, wie er heute in der westlichen Welt mit großer
Begeisterung praktiziert wird, findet seinen Ursprung im Kalifornien
der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Man kann wohl sagen,
dass Peggy Dylan und Tolly Burkan als Wiederentdecker und Modernisierer
des Feuerlaufens viel geleistet haben. Der besondere Verdienst ihrer
Arbeit liegt in meinen Augen in der Verknüpfung zu den Aufgaben
unserer modernen Welt. Dabei wird der Mensch durchaus als „Schöpfer“
seiner Welt gesehen, aber zugleich wird auch seiner Eingebundenheit
in etwas „Größeres“ oder „Höheres“
Rechnung getragen. Die Idee, dass wir zu mehr fähig sind, als
wir oft glauben, ist nun beileibe keine neue Erkenntnis, findet
jedoch im Feuerlaufen eine durchaus beeindruckende Möglichkeit,
nicht nur verstanden, sondern bewusst erfahren zu werden. Diese
Erfahrung senkt sich zumeist so tief in das Bewusstsein des Feuerläufers,
dass eine tief greifende Veränderung des Blicks auf die eigenen
Möglichkeiten erreicht wird. Ein Blick, der von einem vertrauensvollen
Platz aus gelenkt wird und weniger von Ängsten, (Selbst-)Zweifeln
und negativen Erfahrungen geprägt ist.
Damit diese Ergebnisse erzielt werden können, ist das Prinzip
der Selbstbestimmung des Feuerläufers auch als besonders hoch
einzuschätzen. Nach meinem Verständnis sollte der Klient
in jedem Fall die alleinige entscheidende Instanz sein. Die Entscheidung
über den rot glühenden Teppich aus mindestens 600°
C heißen Kohlen zu schreiten, ist für jeden Menschen
ein persönlicher Prozess. Hierbei spielt die Verbindung zur
inneren Weisheit, zu dem Teil in uns, der weiß, eine große
Rolle. Wichtig ist, zur getroffenen Entscheidung stehen zu können,
die Verantwortung für die Entscheidung zu übernehmen und
die entsprechenden Konsequenzen zu tragen. Daher sollte man auch
im Vorfeld genau prüfen, in welchem Rahmen man sich einem so
einschneidenden Erlebnis stellen möchte. Es gibt viele Angebote
für Großveranstaltungen, bei denen es wohl eher um eine
Erfahrung mit Gruppendynamik und Adrenalin geht. Wer sich hingegen
seinen eigenen Themen stellen möchte, eine persönliche,
konzentrierte und ruhige Vorbereitung wünscht, wird bestimmt
in den „spirituellen“ Angeboten fündig.