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DAS INNERE KIND,

UNSER VERBORGENER SCHATZ

Von Margit Wehr

 

Jede Schatzsuche beginnt mit der Ahnung, oder dem Glauben, an etwas Unsichtbares, das im Verborgenen ruht.

Es ist eine Bereicherung des Lebens, kostbar und schön. Aus diesem intuitiven Wissen heraus wächst der Wunsch, diesen Schatz bergen zu wollen. Im Vertrauen auf Erfolg beginnt man mit der Arbeit. Wie Schätze im Außen, so werden dabei auch innere Schätze – unser inneres Kind – gefunden. Voraussetzung dafür ist, wie bereits erwähnt, dass Sie etwas derart Wertvolles in Ihrem Inneren überhaupt für möglich halten.

Ihr Verstand rebelliert, denn Ihr inneres Kind hat keinen Körper, und ist somit weder sichtbar noch greifbar.

Rein rational betrachtet ist es nicht nachweisbar und somit nicht vorhanden. Auch zeitlich gesehen kann es Ihr inneres Kind eigentlich gar nicht geben, denn Sie sind erwachsen und Ihre Kindheit ist vergangen bzw. liegt viele Jahre zurück. Vielleicht haben Sie schon selbst Kinder oder gar Enkelkinder. Es ist für unseren Verstand unfassbar, dass es in uns etwas gibt, in dem alle Erlebnisse, alle Gefühle, alle Erfahrungen gespeichert sind. Im Ozean unseres Bewusstseins geht nichts verloren, und alles kann wieder erlebt werden und ist somit in Wahrheit präsent. Da uns der Zugang zu diesem Meer fehlt, nehmen wir uns nur teilweise bzw. getrennt von bestimmten Ereignissen und Gefühlen wahr. Daher sind sie uns nicht bewusst.

Wir sprechen davon, dass dieser oder jener ein großes Selbstbewusstsein hat, oder Selbstbewusstsein wichtig ist, und meinen damit eher Äußerlichkeiten wie gutes Aussehen, Erfolg, immer gut drauf sein, kurz: besser und erfolgreicher zu sein als andere. Man muss sich ganz schön anstrengen und kämpfen, um so selbstbewusst zu wirken. Unschöne Gefühle wie Angst, Ohnmacht, Schmerz, Hilflosigkeit haben dabei keinen Platz. Man verdrängt sie, schließt sie weg.

Wahres „Sich-selbst-bewusst-Sein“ jedoch lässt alles zu, nimmt an und erkennt die Liebe. Dieses Selbstbewusstsein erzeugt Frieden und Glück in uns. Verwehre ich mir selbst den Zugang zu meinem inneren Ozean, bleibe ich im Nichtbewusstsein. Dadurch bleiben mir wertvolle Teile meiner Persönlichkeit wie in einem Nebel verborgen, und ich bin ohne Kontakt, ohne Beziehung zu ihnen. Auch wenn ich nicht alle Ereignisse in diesem Nebel erkennen kann, so sind sie doch da und wirken in mein jetziges Leben hinein. Die Annahme, im Nebel sei nichts, weil man im Nebel nichts sieht, ist somit falsch.

Jede immer wiederkehrende Angst in unserem Leben hat ihren Ursprung im Nebel des Nichtbewusstseins. Ebenso jeder Zorn, jede Wut ohne konkreten Anlass, jeder Schmerz, jede Trauer, die immer wieder hochkommt, und für die Sie keinen Grund erkennen, hat die Wurzel in diesem Nebel.

„Immer wieder gerate ich an die Falschen.“, oder „Ich bin einfach zu gutmütig.“, oder „Mich versteht keiner.“, oder „Ich traue keinem.“ sind Beispiele für Gefühle, Haltungen und Meinungen, die rational überhaupt keinen Sinn zu machen scheinen. Oft stehen diese im Widerspruch zur Realität, zu Ihrem kompetenten Erwachsensein. Diese unerklärlichen Gefühle stammen von ihrem eigenen inneren Kind.

Das kleine Mädchen oder der kleine Junge, das/der Sie einst waren, lebt unsichtbar in Form ihres inneren Kindes weiter mit all seinen Freuden, seiner Fröhlichkeit, seinem Vertrauen, seiner Spontaneität; aber auch mit all seinen Schmerzen, seinen Enttäuschungen, seinen Ängsten und seiner ohnmächtigen Wut.

Kein Mensch auf dieser Erde hat ausschließlich eine glückliche Kindheit. Unsere Eltern sind nicht perfekt und besitzen ihre eigenen Schwächen, Fehleinschätzungen, Vorurteile und Verletzungen. Fehlbare Menschen, die ihren Kindern Erlebnisse bewusst und unbewusst weitergeben. Aus unserer heutigen Sicht heraus verstehen und akzeptieren wir dies.

Als Kleinkind jedoch haben wir unter diesem oder jenem gelitten, da wir noch kein eigenes Ego besaßen, um uns zu wehren, unsere Meinung sicher zu vertreten oder zu unseren Gefühlen zu stehen. Wir waren von den Eltern abhängig und ihnen ausgeliefert, denn für ein kleines Kind sind die Eltern das ganze Universum. Wir lieben unsere Väter und Mütter und unternehmen alles, um von ihnen weiterhin geliebt zu werden und ihre Nähe zu spüren.

Kleine Kinder sind unglaublich sensibel und spüren genau, was die Großen erwarten, was nicht erwünscht oder gar verboten ist. Ein kleines Kind nimmt jede auch nicht ausgesprochene Botschaft wahr und bemerkt auch den verstecktesten Blick. Da kleine Kinder eins sind mit ihren Eltern, beziehen sie alles auf sich persönlich, und für jedes negative Gefühl der Eltern glaubt das Kind die Ursache zu sein. Es kann teilweise nicht trennen, was mit ihm zu tun hat, und was die eigenen Probleme der Eltern sind. Aus diesem Grund werden unterschiedliche Merkmale der Eltern, wie besondere Härte, Leistungsstreben, Konfliktvermeidung usw. automatisch übernommen. Ein bekanntes Beispiel ist die Aussage: „Ein Junge weint nicht!“, oder für die Mädchen „Die Klügere gibt nach!“.

All diese angenommenen Verhaltensweisen, Meinungen, Gefühle beeinflussen unser heutiges Leben. Der Ursprung dafür jedoch liegt im Nebel des Nichtbewussteins verborgen und wir fühlen uns hilflos oder ohnmächtig unseren inneren Konflikten gegenüber:

– immer wieder die gleichen Enttäuschungen in Beziehungen,

– immer wieder Misserfolg im Beruf,

– immer wieder die gleichen schlechten Gefühle.

Es ist nicht der Nebel des Nichtbewusstseins, der Sie hindert, Dinge klar zu sehen und einen befriedigenden Kontakt zu ihrem inneren Kind aufzubauen. Die Kontaktlosigkeit ist es, die Ihr inneres Kind einsam und verlassen sein lässt. Es wartet nur sehnlichst darauf, gesehen, gehört oder wahrgenommen zu werden, durch jemanden, der Anteil an seinen Gefühlen und Nöten nimmt, es versteht. Jeder Kummer, und sei er noch so schlimm, kann heilen, wenn man ihn sich von der Seele reden kann und jemand einen dabei in den Arm nimmt.

Stellen Sie sich diesen großen Nebel vor und inmitten dieser grauen Feuchtigkeit sitzt mutterseelenallein Ihr inneres Kind. Berührt Sie dieses Bild? Was empfinden Sie dabei? Kein anderer Mensch, kein Partner, kein Verwandter, kein Freund kann daran etwas ändern, nur Sie!

Ihr inneres Kind ist ein Teil von Ihnen und nur Sie alleine sind dafür verantwortlich. Ihr inneres Kind ist ein unglaublich wichtiger und wertvoller Teil Ihrer einmaligen Persönlichkeit. Wenn Sie tief in Ihr Herz horchen, können Sie diese Wahrheit erfühlen. Was steht der Schatzsuche also noch im Wege?

Unglücklicherweise gibt es für den Umgang mit dem inneren Kind eine psychologische Gesetzmäßigkeit: Unbewusst gehen Sie mit Ihrem inneren Kind nämlich genauso um, wie Ihre Eltern mit Ihnen als Kind umgegangen sind. Was Sie als Kind in schmerzlicher Weise erfuhren, genau das tun Sie sich nun als Erwachsener wieder selbst an.

Dazu ein Beispiel:

Ihr Vater war ein sehr stolzer, beherrschter Mann, der nie Schwächen und Gefühle zeigte und meinte, alles im Griff haben zu müssen. Ihre kindlichen Unzulänglichkeiten, Ihre Gefühlsausbrüche oder Ihr kindliches Sehnen nach Liebe und Nähe hatten daher wenig Raum. Als Kind war das Verhalten Ihres Vaters für Sie richtig und Ihr eigenes Verhalten falsch. So verbannten Sie irgendwann Ihr inneres Kind in den bereits erwähnten Nebel. Noch heute beurteilen Sie es mit den Augen und der Gefühlskälte Ihres Vaters und beurteilen es mit seinen Maßstäben. Vielleicht fürchten Sie sogar die nicht kontrollierbaren Gefühle Ihres inneren Kindes. Aus Ihrem inneren Mutter-Vater-Ich heraus verbieten Sie weiterhin Ihrem inneren Kind, präsent zu sein und seine Gefühle, Meinungen und Wahrnehmungen offen auszudrücken. Diese Schwierigkeit kann jedoch behoben werden. Sie müssen sich dazu entscheiden, ob Sie diese beiden Seiten als zu Ihrer Persönlichkeit dazugehörig annehmen wollen. Wenn ja, dann gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, den Nebel des Nichtbewusstseins aufzulösen und die Sonne leuchten zu lassen. Ihr inneres Kind wird so zu einer strahlenden kleinen Sonne. Es sehnt sich nach einer liebevollen und erfüllten Beziehung mit Ihnen als Erwachsenem. Natürlich geht es nicht darum, dass nun Ihr inneres Kind das Regiment übernimmt und Ihre Qualitäten als Erwachsener im Nebel verschwinden. Es geht um Annäherung, sich kennen lernen, in Kontakt kommen und bleiben, es geht um Zusammensein, in Beziehung sein.

Ihr inneres Kind verbirgt Begabungen und Fähigkeiten, die Sie als „Großer“ für ein erfülltes und glückliches Leben unbedingt benötigen.

Der Volksmund sagt: „Kindermund tut Wahrheit kund.“ Das Erkennen des Wahren und Wesentlichen und die Sensibilität für Lüge, Betrug, Schein und Falschheit sind jedem Kind angeboren und verschwinden erst, wenn wir ein eigenes Ego entwickeln und mit dem Verstand kategorisieren, analysieren und diagnostizieren. Wir trennen uns von unserer Intuition und verlassen uns auf unser Wissen, anstatt auf die Herzensweisheit und Intuition unseres inneren Kindes zu vertrauen. Kinder sehen wahrhaftig, spüren und wissen um die Gleichwertigkeit aller Wesen, der sichtbaren wie der unsichtbaren. Sie erkennen die Liebe, Gott in allem Sein. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein“, sagte Jesus Christus und er meint damit genau diese kindlichen Gaben.

Wir können Gott, den universellen Geist, die übergeordnete Instanz, oder wie immer ihr Name dafür ist, nur erfühlen, wahrnehmen, begreifen und erkennen, über das reine Herz unseres inneren Kindes. Seine Weisheit und sein Urwissen sind etwas grundlegend anderes als unser wissenschaftliches, materielles Faktenwissen unseres Verstandes im Erwachsensein.

Aber da existiert noch ein funkelnder Edelstein, den Ihr erlöstes inneres Kind Ihnen schenken wird: sein Mitgefühl! Das Mitgefühl mit allen Wesen, egal ob Mensch, Tier, Pflanze, Stein, Wasser oder Luft. Dieses Mitgefühl am Leid der Erde und all ihrer Bewohner, genau dieses Mitgefühl und die Anteilnahme ist das, was unsere Welt braucht, um friedvoll und geheilt zu werden. Die Tränen eines Kindes über ein verletztes Tier, oder eine abgebrochene Blume, oder einen zerstörten Baum, diese Tränen sind heilend und die kostbarste Medizin, die es gibt. Sie wandeln das Leid durch die Liebe in Freiheit und Erlösung.

Es gibt so unendlich viel Härte, Gleichgültigkeit, Hartherzigkeit, Gewalt, Missachtung, Diskriminierung, Kampf und Kälte auf unserer Welt! Das Streben nach Macht und Besitz scheint manch einem viel wichtiger zu sein als das Streben nach einem friedlichen und achtungsvollen Miteinander. Es sieht auch so aus, als würde ein brillanter, gefühlloser Geist attraktiver und wertvoller sein als ein stilles und mitfühlendes Herz. Um diesen Irrtum zu beheben und die Wahrheit wieder leuchten zu lassen, benötigen wir die Kraft, die Fähigkeit und das göttliche Vertrauen unseres „inneren Kindes“.

Seine Freude am Leben, am Miteinander, an einfachen Dingen, seine Freude am unbeschwerten Sein kann uns Erwachsene wieder das Wesentliche und eigentlich Wertvolle lehren.

Wir „Großen“ machen, jagen, planen, wollen, müssen und laufen so lange vor uns selbst davon, bis wir nicht mehr wissen, wer wir wirklich sind, und was unsere wirklichen Aufgaben als Menschen auf dieser Erde sind. Der Kontakt bzw. eine gute Beziehung zu unserem inneren Kind kann uns helfen, unser wahres Selbst wieder zu finden und innere Ruhe und Frieden zu erfahren. Dann sind wir wirklich selbst – bewusst!

Ich meine, die Zeit dafür ist reif.

Kontakt:

Margit Wehr
Dipl.-Sozialpädagogin
Konflikt- und Krisenberatung
Tel.: 09 31/255 73
Termine nach Vereinbarung

Ich freue mich über Rückmeldungen oder/und Kritik am Telefon.

 

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Copyright 2000 – 2007 Dieter Schmitt

 

Ein Artikel aus dem Lichtstrahl-Magazin.