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Was ist UNTERSTÜTZTE KOMMUNIKATIVE Wenn dich niemand versteht ... von Sibylle Wiedemann
Stellen Sie sich bitte eine Gruppe von Menschen mit schwerer geistiger und körperlicher Behinderung, teilweise ohne erkennbare Möglichkeit, sich ihrem Umfeld mitzuteilen, vor. Wer erwartet ausgerechnet von diesem Personenkreis die Bereitschaft und die Fähigkeit, eine neue Kommunikationsform zu entwickeln? Und doch ist dies geschehen! Diese mutigen Menschen regten Sibylle Wiedemann, Erzieherin mit langjähriger Berufserfahrung im Schwerbehindertenbereich, dazu an, eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Form der Verständigung zu erarbeiten. Diese neue Technik wird heute „Unterstützte Kommunikative Kinesiologie“ – kurz UKK – genannt. Etwa 300 ausgebildete Anwender setzten UKK inzwischen in den unterschiedlichsten Bereichen wie Behindertenarbeit, Krankenpflege, Sterbebegleitung und Naturheilkunde erfolgreich ein. Dabei sind die Möglichkeiten von UKK bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Täglich werden neue Erfahrungen gesammelt, immer mehr Menschen mit Handikap „melden sich zu Wort“.
neue Perspektiven? Juni 2000 – ein Licht am Horizont? Zu dieser Zeit war ich als Abteilungsleiterin für die Betreuung von sehgeschädigten Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung verantwortlich. Verständigung beschränkte sich auf Vermutungen, da eine wirkliche Kommunikation aufgrund der Schwere der Behinderung, selbst unter Zuhilfenahme aller damals bekannten Hilfsmittel, nicht gelingen wollte. Für meine Kolleginnen und mich eine unbefriedigende Situation, obwohl wir den Eindruck hatten, dass sich unsere Betreuten (Klienten) bei uns trotzdem wohlfühlten. Irgendwann kam mir der Gedanke, den Muskeltest der Kinesiologie zu nutzen, um mit meinen Klienten sogenannte „Symboltafeln“ zur Kommunikation zu erarbeiten. Mir war klar, dass die vorhandenen körperlichen Einschränkungen ein direktes Testen des Klienten ausschließen. Ich wählte daher eine in der Kinesiologie gängige Vorgehensweise, das Arbeiten mithilfe einer dritten Person, dem Surrogat (surrogate = Englisch „ersetzen“). Diese stellt Körperkontakt zur Testperson her und stellt so ihren funktionstüchtigen Muskel als Anzeigeinstrument zur Verfügung. Der Muskeltest sollte mir Hinweise für die Gestaltung der Tafeln liefern, sowie die grundsätzliche Bereitschaft der Klienten signalisieren, damit arbeiten zu wollen. Gedankenblitz mit Überraschungen Nachdem meine Kolleginnen und ich es unseren Betreuten auf Sesseln und Sofas gemütlich gemacht hatten, nutze ich die entspannte Stimmung, um die Durchführbarkeit meiner Idee zu diskutieren. Ich ging davon aus, dass dieses Gespräch an den im Raum anwesenden Betreuten vorbeiplätschert, wie die Entspannungsmusik im Hintergrund. Doch plötzlich geschah etwas sehr Ungewöhnliches. Ein Blick in die Gesichter unserer behinderten Betreuten ließ meine Kolleginnen und mich vor Ehrfurcht staunen. Gunter, der sich auf seinem Sofa unter eine Decke zurückgezogen hatte, setzte sich auf und strahlte uns erwartungsvoll an. Sebastian, im Rollstuhl und schwer körperbehindert, nahm alle Kraft zusammen und hob seinen Kopf. Alle Gruppenmitglieder reagierten gänzlich ungewohnt und wirkten sehr interessiert. So ein Verhalten hatten wir Mitarbeiterinnen noch nie erlebt. Was wurde von uns erwartet? Zaghaft wandte ich mich an Erhard und fragte ihn, ob er tatsächlich bereit war, mit mir, unter Zuhilfenahme des Muskeltests, zu kommunizieren. Bewundernswert vertrauensvoll ließ er sich auf meine ersten Versuche ein. Alle Mitarbeiterinnen waren von seiner Bereitschaft begeistert. Hatten wir tatsächlich ein Werkzeug entdeckt, um sinnvolle Symboltafeln zu erarbeiten? Zum damaligen Zeitpunkt hatten wir noch nicht erkannt, welche neuen Chancen sich in Wirklichkeit durch dieses Vorgehen aufgetan hatten. Erhard durchbricht meine Ich wollte zunächst nur ganz individuelle Tafeln, zum Beispiel speziell für Erhard, entwerfen. Laut seiner Akte ist er geistig behindert, weshalb ich nicht genau wusste, welche Worte er generell versteht. Außerdem sagten herkömmliche Tests nicht viel über seine Sehkraft aus. Zum Erstaunen aller war es jedoch kein Problem für ihn, mit DIN A4 großen, schwarz/weißen Symboltafeln zu arbeiten. Offensichtlich konnte er mir auch geistig ziemlich gut folgen. Sobald ich ihm die Bedeutung eines Symbols erklärte, war es für ihn einfach, dieses zu verstehen und richtig zu gebrauchen. Innerhalb einer Woche hatten wir Symbole für „Ja/ Nein“, „Ich brauche Ruhe“, „Ich möchte etwas tun“ und „Ich habe Schmerzen“ erarbeitet. Ich war begeistert und mit unseren Erfolgen sehr zufrieden, aber Erhard hatte andere Pläne! Er war viel schlauer als ich! Sprachlos – mutig – clever!
Nach wenigen Tagen schob er seine Tafeln sehr selbstbewusst (wer hätte das jemals erwartet?) zur Seite und legte meine Hand lächelnd auf sein Knie, genau auf die Stelle, die sein bevorzugter Kontaktpunkt beim Surrogat-Test ist. Erstaunt fragte ich ihn: „Willst du dich tatsächlich weiter über den Muskeltest und nicht mithilfe deiner Tafeln unterhalten?“ Sein „Ja“ wurde von einem glücklichen Lächeln begleitet. Er war nicht länger bereit, nur meine Fragen zu beantworten, sondern wollte eigene Ideen und Vorstellungen ins Gespräch mit einbringen, einfach richtig kommunizieren. Damit stellte er mich vor eine riesige Herausforderung. Ich erarbeitete eine einfache Fragetechnik, mit deren Hilfe es möglich ist, nur über „Ja/ Nein“-Antworten rasch und präzise zu erkennen, was der Klient mitteilen möchte. Außerdem mussten diverse Fehlerquellen erkannt und ausgeschaltet werden. In Zusammenarbeit mit meinen behinderten Freunden (inzwischen ist diese Bezeichnung die einzig richtige) erarbeitete ich eine einfache Kommunikationstechnik, die für jedermann zu erlernen ist. Sie basiert auf dem Muskeltest der Kinesiologie und einem einfachen Fragesystem, das alle Anliegen des Klienten berücksichtigt. Die Möglichkeit über eine Ersatzperson zu arbeiten, gibt jedem, unabhängig von Art und Schwere einer Beeinträchtigung, die Chance, sich mitzuteilen. Meine Klienten und ich gaben dieser Technik den Namen „Unterstützte Kommunikative Kinesiologie“, kurz UKK. Den Begriff „Behinderung“ ersetzten wir durch „Handikap“, da dieser im deutschen Sprachgebrauch ohne Wertung verwendet wird. Im September 2001 stellte ich UKK erfolgreich auf dem Internationalen Kinesiologie-Kongress in Kirchzarten vor. UKK wurde bisher von vielen unabhängigen Personen und Einrichtungen überprüft und wird inzwischen vielerorts erfolgreich eingesetzt. Der größte Beweis für die Effektivität dieser Technik sind für mich jedoch die vielen Menschen mit Handikap, die mutig und begeistert mit UKK arbeiten und schon viele ungewöhnliche, von niemandem erwartete Leistungen erbracht haben. Februar 2008 – das Samenkorn UKK wird zur stattlichen Pflanze! Das Buch zur „Unterstützten Kommunikativen Kinesiologie“ erscheint. Endlich kann sich jeder Interessierte über diese neue Vorgehensweise und die bereits gemachten Erfahrungen informieren. Fesselnde Berichte gewähren Einblicke in die Welt von Menschen mit Handikap, helfen dabei, Berührungsängste zu vermindern. Erhard und seine Kollegen, ohne die UKK wohl nie entstanden wäre, sind mit Recht stolz auf ihre Leistung und das Ergebnis unserer gemeinsamen Bemühungen. Daher hoffe ich, dass künftig möglichst vielen Menschen mit Handikap diese Kommunikationsform zur Verfügung steht, damit ein neues „Miteinander“ entstehen kann. Zum Schluss noch eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte der neuen Kommunikationsform: – UKK ist die sinnvolle Synthese des Muskeltests aus der Kinesiologie mit modifizierten Fragetechniken aus der gestützten Kommunikation. Der Anwender ist somit in der Lage, Themen gezielt einzugrenzen. Obwohl alle Fragen mithilfe des Muskeltest nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden können, wird das Anliegen des Gesprächspartners vom Anwender rasch erkannt und zu dessen Zufriedenheit „übersetzt“. Ausführliche Informationen finden Sie im Buch der Autorin: „UKK – Unterstützte Kommunikative Kinesiologie“, ISBN 978-3-930403-28-8 Kontakt:
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Ein Artikel aus dem Lichtstrahl-Magazin. |