| Krebs -
„Messer oder Mistel?“ Mit dieser Frage wird der Naturarzt
immer wieder konfrontiert. Dahinter verbirgt sich die bange Frage,
ob sich das Schreckgespenst Krebs denn nicht auch etwas sanfter
als mit eingreifenden Operationen, zerstörenden Strahlen oder
der gefürchteten Chemotherapie vertreiben lässt. Und
dahinter wiederum steht die Furcht, Abschied nehmen zu müssen. Die Naturheilkunde setzt bei allem, was sie anbietet, auf die Verbesserung der Immunlage. Eigentlich sind wir alle Krebspatienten, denn in der abermillionenfachen Zellteilung, die jede Minute in unserem Körper abläuft, entsteht ständig Krebs. Ein wundersamer Reparaturmechanismus erkennt und korrigiert das. Klappt das nicht, zerstört die entartete Zelle sich selbst. Und klappt auch das nicht, kann sie sich teilen und irgendwo ansiedeln, dann fallen die Fresszellen über sie her und vernichten sie. Und erst wenn auch das nicht klappt, weil das Immunsystem gerade einmal unaufmerksam oder geschwächt oder therapeutisch unterdrückt war, dann erst wird aus der Zellteilungspanne Krebs. Noch hat das Immunsystem, wenn es denn geweckt und gestärkt wird und zum Angriff bläst, eine Chance. Aber es muss sich sputen, denn der missratene Zellhaufen verdoppelt sich mit jeder Teilungsrate, 2, 4, 8, 16 – kennen Sie die Geschichte von den Weizenkörnern auf dem Schachbrett? Nach der 13. Teilung, also bei etwa 2 hoch 13 Zellen (oder rund zehntausend), ist die Immunabwehr nach menschlichem Ermessen überrundet, vielleicht ist deswegen die 13 die Unglückszahl. Aber erst nach der 30. Teilung, also bei 2 hoch 30 Zellen (oder rund einer Milliarde), wiegt der Tumor etwa ein Gramm und wird tast-, spür- oder sichtbar. Wir erkennen ihn also erst, wenn ein noch so intaktes Immunsystem es nicht mehr allein schaffen kann. Daran ändern auch die Berichte von gelegentlichen Spontanheilungen selbst großer Geschwülste nichts –, zumal die meisten dieser Berichte mit vielen und großen Fragezeichen versehen sind. Daraus folgt, dass ein solider Tumor immer unters Messer gehört. Die Stärke der naturheilkundlichen Ergänzung liegt in der Vorbereitungsphase zur Operation und in der Nachbehandlung. Je besser das Immunsystem, desto geringer das Risiko, dass etwa verbliebene Restzellen wieder wuchern oder wandern. Immer unters Messer? Fast immer! Eine Ausnahme hat mich schon als ganz junger und eifriger Heilpraktiker eine alte Dame gelehrt: Fast 90 Jahre, altersschwach und bettlägerig, aber ohne sonderliche Beschwerden, zufrieden mit ihrer Tochter unter einem Dach lebend, bat um eine Allgemeinuntersuchung. Dabei stellte sich ein großer harter Tumor im Bauchraum heraus. Wie die Katze um den heißen Brei herum redend, veranlasste ich eine Klinikeinweisung „zur weiteren Abklärung“ und war stolz ob meiner Sorgfalt und Entdeckungskunst. Zwei Tage später war aller Stolz verflogen und tiefer Beschämung gewichen, denn ich fand die alte Dame auf der letzten Seite der Lokalzeitung wieder, schwarz umrandet. Ich hatte sie nicht nur unters Messer gebracht, sondern auch ans Messer geliefert. Wie lange hätte sie wohl noch einträchtig mit ihrer Tochter leben können, bis sie still an Altersschwäche eingeschlafen wäre? Mit ihrem Krebs – nicht an ihrem Krebs. Die Ausnahme heißt also: Wenn in dem Wettlauf zwischen Krebswachstum und natürlicher Lebenserwartung die Chance besteht, dass der Krebs zu Lebzeiten gar keine Probleme bereitet, dann ist es barmherziger, abzuwarten, als alle Register diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen zu ziehen. Und die zweite Ausnahme lehrt uns die
Statistik: Die Pathologen, also jene, die bei gegebener Veranlassung
Verstorbene sehr genau unter die Lupe nehmen müssen, sagen, dass nur 0,4% aller Prostata-Karzinome,
die sie finden, auch klinisch relevant waren. Das bedeutet, von
250 Prostatakrebsen macht nur einer dem Träger zu Lebzeiten
Beschwerden. Ich denke, auch das ist ein guter Grund, gelassen
abzuwarten. Es war der inzwischen verstorbene Chirurg Julius Hackethal,
der den Prostatakrebs mit drei Tieren hinter einem Maschendrahtzaun
verglich: die Schildkröte, die das Gatter nie verlässt,
der Hase, der unberechenbar springen kann, wenn er will, und der
Vogel, der längst davon ist, wenn wir ihn entdecken. Sehr
bildhaft macht das deutlich, dass es auch beim Krebs der Prostata
langsam wachsende Formen ohne großes Risikopotenzial gibt,
unberechenbare Formen und leider auch solche, die trotz noch so
früher Entdeckung den Patienten dahinraffen. Die Lehre: Nicht
jede PSA-Erhöhung (ein Tumormarker) muss gleich zur Operation
führen – und je älter der Mann, desto weniger. Es war auch Hackethal, der vor der Feinnadel-Biopsie warnte. Das Anstechen eines unklaren Tumors zum Gewinnen einer Gewebsprobe gibt zwar diagnostische Sicherheit über den Charakter des ertasteten Tumors, birgt aber auch das Risiko einer Zellausstreu in sich. Vor jeder diagnostischen Maßnahme, Tastbefund, Biopsie, Mammografie und vor jeder Operation gebe ich meinen Patienten hohe Calcium-Gaben, weil Calcium die Zelladhäsion, das Aneinanderhaften von Zellen, verbessert und damit das Metastasenrisiko mindert. Fraglos hat die Kunst der Chirurgen großen Anteil an der hohen Heilungsrate. Sie schneiden ja nicht wild drauflos, sondern präparieren ein böses Gewächs sorgfältig heraus, nachdem sie zuvor jene Abflusswege, auf denen ausreißende Zellen sich davonmachen könnten, abgeklemmt haben. Ihre Arbeit gelingt umso sicherer, je früher ein Krebs in ihre Hände kommt. Darum wird auch die Früherkennung propagiert, die oft etwas hochtrabend als Vorsorge bezeichnet wird. Eine sinnvolle Früherkennung betreibt am besten jener Patient, der weiß, wie man’s macht und worauf man achten muss. Zum Beispiel beim Darm auf auffällige Veränderungen des Stuhlverhaltens, der Stuhlbeschaffenheit und des Stuhles selbst. Der Haemoccult-Test auf verstecktes Blut kann hilfreich sein, aber nur wenn es richtig gemacht wird. Drei Tage vorher fleischlos leben, und keine Zähne putzen, weil die Spuren von Blut, die dabei möglicherweise in den Darm gelangen, falschen Alarm auslösen. Auch die Eigenuntersuchung der Brust, die mehr Nutzen bringt als flächendeckende Mammografie-Programme, muss richtig gemacht werden, und zum richtigen Zeitpunkt geschehen. Der ist bei fruchtbaren Frauen eine Woche nach der Menstruation. Jede Frau kennt ihre „Drüsenlandschaft“ besser als der beste Arzt. Ohnehin werden 40% aller Brustkrebserkrankungen von den Frauen selbst entdeckt. Die Selbstinspektion beginnt mit dem Betrachten, erst im Liegen, dann vor dem Spiegel im Stehen, erst mit hängenden und dann mit hoch erhobenen Armen. Danach wird die Brust eingecremt und sorgfältig abgetastet. Keine Panik: 75% aller Knoten sind harmlose und nicht behandlungsbedürftige Zysten, Fett- oder Bindegewebsgeschwülste. Verdächtig ist jedoch alles, was sich von Mal zu Mal verändert, was schmerzt, was größer wird, was die Brustwarze einzieht. Das allerdings sollte durch eine Mammografie abgeklärt werden. Dazu aber bitte keinen Deostift verwenden. Einige haben strahlenundurchlässige Grundstoffe. Nicht sinnvoll ist jedoch die flächendeckende Mammografie-Aktion,
die unsere Politiker beschlossen haben, und bei der alle Frauen
von einem bestimmten Alter ab einmal jährlich geröntgt
werden. Namhafte Krebsforscher verweisen darauf, dass von 1000
Frauen, die zehn Jahre lang regelmäßig mammografiert
werden, eine Einzige einen Nutzen durch die frühere Erkennung
hat. Dafür wird aber mindestens eine andere von den tausend
durch die Strahlenbelastung zusätzlich an Krebs erkranken.
Aber das kann unsere Politiker nicht von ihrem Aktionismus abhalten. Wirkliche Vorsorge ist mehr als frühe Erkennung, nämlich Ursachenforschung, die bei uns dem Kaffeesatz-Lesen gleichkommt. Solange wir uns gegen ein flächendeckendes umfassendes Krebsregister wehren, werden wir auch über Verdachtsmomente nicht hinaus kommen. Auf der Verdachtsliste anderer Länder stehen als Krebsverursacher z.B. so häufig genutzte Substanzen wie Bitumen, Hormone, Selen, Tamoxifen, Cholesterinsenker, Antibiotika. Und um aus einer angeblich so preiswerten, jedoch hochgefährlichen Stromerzeugung auszusteigen, brauchen wir 35 Jahre. Den Hauptverursacher von Krebs aber kennen wir sehr genau und ignorieren ihn trotzdem: Jeder dritte Krebs wird durch Rauchen – auch passiv – erzeugt. Während bei Männern die Zahl der Raucher abnimmt, ist sie bei Frauen im Steigen begriffen. Bei Frauen hat inzwischen der Lungenkrebs den Brustkrebs überholt. Die beste Vorsorge ist ein intaktes Immunsystem. Und da das Immunsystem sehr von der psychischen Verfassung abhängig ist, weisen die Neuropsychoimmunologen, ein neuer Forschungszweig, zu Recht darauf hin, dass der depressive Patient eine schlechtere Immunlage hat. Der Patient, der mit seiner Krankheit „nicht fertig wird“, hat ein größeres Rezidiv-Risiko. Nicht nachzuvollziehen ist jedoch die „eiserne Regel des Krebses“ von Gerd Ryke Hamer, jenem ehemaligen Arzt, der vor einigen Jahren das Kind mit dem Wilson-Tumor nach Spanien entführte und längst seine Approbation verloren hat. Danach soll jedem Krebs – je nach Organ – ein bestimmter seelischer Konflikt ursächlich zu Grunde liegen. Eine verhängnisvolle und zerstörerische Theorie. Wer Hamers Buch aufmerksam gelesen hat, wendet sich mit Grausen ab. Kein ernsthafter Vertreter der biologischen Medizin nimmt diese These mehr ernst. „Was tun?“ steht im Titel. Es ist für mich keine Frage: mit den obigen Ausnahmen unters Messer. Dabei ist keine hektische Eile geboten. Es bleibt genügend Zeit, das Immunsystem auf die Operation vorzubereiten. Echinacea, Mistel, evt. Thymus, Vitamine, Mineralien und Spurenelemente, seelische Stabilisierung, alles, was der Immunstärkung dient, ist angezeigt. In dem Zusammenhang stellt sich immer wieder die Frage: Ist der Krebs eine lokale Erkrankung auf Grund einer zufälligen Zellentgleisung, oder ist der Krebspatient in seiner Ganzheitlichkeit erkrankt, bleibt er Risikopatient, bedarf er der dauernden Kontrolle und Nachbehandlung? Letzteres postulieren wir gerne in unserer naturheilkundlichen Denkweise. Ich gebe zu, als Betroffener könnte ich besser mit der These von der lokalen Entgleisung, die nach der Operation „Schnee von gestern“ ist, leben. Viele Frauen mit Brustkrebs scheuen
die Operation, die ja heute keineswegs immer zum Verlust der
Brust führen muss. Sie haben
Angst, keine „richtige Frau“ mehr zu sein, ihre Begehrlichkeit
zu verlieren – oder den Mann. Das Model Matuschka hat mit
ihrer Fotokampagne „Beauty out of Damage“ zur Entdämonisierung
beigetragen und deutlich gezeigt, dass die Erotik nicht allein
an der Brust hängt. Und wenn jemand wegen der fehlenden Brust
den Mann verliert, dann war dieser Verlust wohl auch nicht so groß. Wir sollten uns hüten, dogmatisch aus einer chemofeindlich-biofreundlichen Lebenshaltung heraus die Chemotherapie zu verteufeln. Sie ist kein Zuckerschlecken, wenngleich durch bessere Kombinationen und Dosierungserfahrungen heute etwas erträglicher. Aber rechtfertigt gerettetes Leben nicht Erbrechen und Haarausfall? Bei der Leukämie, insbesondere der kindlichen, hat die Chemotherapie hohe Heilungsraten zu verzeichnen, beim kleinzelligen Bronchial-Karzinom mäßige, bei anderen Formen immerhin eine Linderung der Schmerzen und eine Verzögerung des Prozesses, jedoch kaum Heilungen. Kurativ nennen wir die heilende, adjuvant die unterstützende, palliativ die lindernde Therapie. Hinter dem Begriff „Chemo“ verbergen sich zwei unterschiedliche Prinzipien: Bei hormoninduzierten Tumoren kann die Gabe von Antihormonen das Wachstum bremsen, also beim Manne Mittel, die gegen Testosteron wirken, bei der Frau gegen Östrogen. Immerhin werden 60–70% aller Brustkrebserkrankungen durch Östrogen angeheizt, was durch den fragwürdigen 5%igen Nutzen bei der Osteoporose sicher nicht aufgewogen wird. Das typische Anti-Östrogen ist das ursprünglich aus der Eibe gewonnene Tamoxifen, das allerdings bei langfristiger Anwendung selbst auch wiederum Krebs erzeugen kann, und von dem neue Studien sagen, es sei wahrscheinlich nicht wirksamer als ein Placebo. Das andere Prinzip ist die zytostatische
oder auch zytotoxische Wirkung, mit der die Zellteilung und dadurch
das Wachstum des Tumors verhindert werden soll, eventuell auch
eine Zerstörung von
Krebszellen. Gleiches widerfährt allerdings auch den gesunden
Zellen des Immunsystems, sodass der nach einer Antwort suchende
Patient in einer Zwickmühle steckt. Die Entscheidung hängt
sicher viel vom persönlichen Vertrauen in eine naturwissenschaftliche
oder naturheilkundliche Denkweise ab. Niemand weiß im Nachhinein,
wie es bei anderer Entscheidung gelaufen wäre. Es muss auch
nicht immer eine alternative Entscheidung sein. Chemotherapie wirkt
besser und ist bekömmlicher, wenn sie von naturheilkundlichen
Maßnahmen, wie z.B. Mistel-Injektionen und/oder Überwärmung,
begleitet wird. Mit großem Aufwand werden Krebsoperierte engmaschig nachuntersucht.
Zu engmaschig, denn von den unmittelbaren Belastungen der Untersuchungen
abgesehen, wird der Patient damit ständig aufs Neue „krank
gestempelt“ und bekommt das Gefühl, immer unter dem
Damoklesschwert des Wiederaufflackerns zu sitzen. Wenn wir nicht
ganz sicher sind, ob denn ein kurativ Operierter wirklich kuriert
ist, genügen zwei bis drei Kontrollen in den ersten zwei Jahren.
Danach ist sein Risiko nicht größer als das eines jeden
von uns. Den lediglich palliativ Operierten sollten wir besser
verschonen, denn die ständige Verlaufskontrolle seiner weiter
schwelenden Krankheit ändert an der schlechten Prognose nichts.
„Vertrauen ist gut“ – ein bisschen Vertrauen in eine Medizin, die es schafft, miteinander zu reden und Gegensätzlichkeiten der Wissenschaftsanschauungen zu überwinden – so auch ein bisschen Vertrauen auch in die Fortschritte der Medizin. Vor allem aber ein bisschen Vertrauen in sich selbst – und in die eigene Fähigkeit, auch mit einer schweren Krankheit fertig zu werden.
Kontakt: Hans-Heinrich
Jörgensen
Moorbeker Str. 35 26197 Großenkneten E-Mail: bio@nam.de
Ein Artikel aus dem Lichtstrahl-Magazin |