Die Sandsteinputten am Kölner Dom verlieren
ihr Gesicht, unsere Felder und Wälder siechen dahin, die Meere
und Flüsse leiden unter dem sauren Regen, aber wir geben uns
immer noch der Illusion hin, am Menschen würde dieses Problem
einfach vorübergehen. Wir haben lange die Fähigkeit der
Natur überschätzt, die aus unseren Auspufftopfen und Fabrikschloten
geblasene Säure zu kompensieren. Und ebenso überschätzen
wir immer noch die Fähigkeit des menschlichen Stoffwechsels,
die viele Säure, die wir ihm zumuten, zu verkraften und wieder
auszuscheiden.
Die Schulmedizin – was immer man darunter verstehen mag –
ignoriert dieses Thema nahezu völlig. Allenfalls die Naturheilkunde
nimmt sich der Problematik an. Zugegeben, manchmal zu sehr dramatisierend,
manchmal auch falschen, weil überholten Theorien anhängend.
Aber immerhin. Ich bin überzeugt, der Säure-Basen-Haushalt
wird sich zu einem der großen Themen der Medizin in den kommenden
Jahrzehnten mausern. Auch wenn kritische Diagnostik zeigt, dass
der Anteil wirklich Betroffener eher bei 7 Prozent als bei 70 Prozent
der Bevölkerung liegt.
Säure – eine chemische Reaktion
Aber was ist eine Säure eigentlich? Nicht der saure Geschmack
der Zitrone ist gemeint, sondern die chemische Reaktion.
So richtig wissen wir das erst, seit der Däne Broenstedt uns
1923 lehrte, dass die Konzen-tration dissoziierter Wasserstoffionen
den Säuregrad einer Lösung bestimmt. Keine Angst, so schrecklich
chemisch das klingt, so einfach ist das: Sie kennen alle den Soziussitz
hinten auf dem Motorrad. Fährt der Jüngling mit seiner
Maid in den sonnigen Maienmorgen hinaus und die beiden geraten sich
in die Haare, weil er etwas möchte, was sie nicht will, und
er lässt sie dann am Straßenrand stehen und braust allein
davon, dann ist die Sozia dissoziiert und reagiert verständlicherweise
sauer. So einfach ist Chemie.
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Dieses dissoziierte Wasserstoffion, H+ schreibt man das, ist so
aggressiv, dass es in unserem Blut nur in einer Konzentration
vorkommt, die zwischen der homöopathischen Potenz D10 und D11 liegt.
Da schmunzeln manche Naturwissenschaftler über solche homöopathischen
“Verdünnungen”, wie sie es nennen, wohl wissend,
das eine Abweichung von dieser dünnen Säurekonzentration
von weniger als einer Zehnerpotenz absolut tödlich wäre.
Da es unhandlich ist, in Laborberichten Kommazahlen an zehnter
Stelle hinter dem Komma auszuschreiben, bezieht man die Säurekonzentration
nicht auf den Milliliter sondern auf den Liter, dann ist das nicht
mehr die zehnte sondern die siebente Stelle hinter dem Komma, schreibt
das ganze logarithmisch, also 10-7, und beschränkt sich auf
die kleine hochgestellte Zahl ohne 10 und ohne Minuszeichen, und
nennt das dann pH 7. Dieser geheimnisvolle Begriff ist also nur
eine vereinfachte Schreibweise der Konzentration.
Im menschlichen Blut haben wir beim Gesunden den Wert pH 7,4. Schwach
basisch nennen wir das, denn pH 7 gilt als Neutralpunkt, bei dem
Säuren und Basen im Gleichgewicht stehen. Nun stimmt das allerdings
nur für destilliertes Wasser. Jede andere Lösung, in der
irgend etwas herum schwimmt, hat einen eigenen Neutralpunkt, bei
dem Säuren und Basen im Verhältnis eins zu eins vorhanden
sind. Für das menschliche Blut liegt dieser Wert bei pH 6,1.
Und wenn Sie nun ganz neugierig sind, und den Taschenrechner fragen,
wie denn 10-6,1 zu 10-7,4 steht, dann wird er Ihnen sagen, dass
in der zweiten Verdünnung nur noch ein Zwanzigstel der Säure
vorhanden ist.
Die Azidose –
ein lebensbedrohender Zustand
Mit anderen Worten: Der Gesunde hat in seinem Blut zwanzig mal so
viel Basen schwimmen, als da Säuren sind. Das lässt erkennen,
dass die Gefahr in der Tat von der Säure und nicht von der
Base herrührt. Aber auch, dass der liebe Gott, oder wem immer
wir die Verantwortung für den Homo sapiens in die Schuhe schieben
wollen, es gut mit uns meint. Wir haben einen hohen Schutzwall gegen
die Übersäuerung mit auf den Weg bekommen. Wenn wir allerdings
immer wieder an diesem Schutzwall knabbern, dann wird mit der Zeit
aus zwanzig zu eins nur noch neunzehn, achtzehn, siebzehn zu eins
– und irgendwann bricht das System zusammen. Dann sprechen
wir von der akuten Azidose, einer Notfallsituation, die mit Blaulicht
auf die Intensivstation führt.
Dass uns nicht jede saure Gurke und jede Aspirintablette dort hin
bringt, verhindern die zwanzigfachen Basenreserven, die eine hinzukommende
Säure puffern, das heißt: an sich binden und damit ihrer
Aggressivität berauben. Auch wenn sie nicht mehr akut bedrohlich
ist, eine Säure bleibt eine Säure, und wenn sie nicht
wieder ausgeschieden wird, hat sie eine Base vom Schutzwall abgegraben.
Die Mär von der Säure, die angeblich basisch verstoffwechselt
wird, gehört in das Reich der Fabel.
Vermehrte Zufuhr und verminderte Ausscheidung, das sind die beiden
Ursachen, die zur Übersäuerung führen. Ganz korrekt
ist dieser so gern gebrauchte Begriff allerdings nicht. Ehe es zur
Übersäuerung kommt, findet eine schleichende Verminderung
der Basenreserven statt. Latente Azidose oder verminderte Pufferkapazität
nennen wir das.
Säure-Basen-Tabellen
sind Unsinn
Eine übermäßige Aufnahme von sauren H+-Ionen kann
nur mit der Nahrung erfolgen, wozu natürlich auch Medikamente
gehören. Leider sind die vielen Nahrungsmittel-Tabellen, die
uns Aufschluss über den Säure-oder Basengehalt der Lebensmittel
versprechen, nicht mehr wert, als in den Papierkorb geworfen zu
werden. Sie gehen alle nahtlos auf eine Untersuchung von Ragnar
Berg zurück, veröffentlicht in der Chemikerzeitung von
1912. Ragnar Berg hat entsprechend der damaligen – vor Broenstedt
– geltenden Auffassung, Kationen seien Basen und Anionen Säuren,
eine Bestimmung der wichtigsten Kationen und Anionen in Lebensmitteln
gemacht. Das sagt jedoch über den Säurewert nicht das
geringste aus. Die zu Grunde liegende Theorie ist falsch. Zudem
sind die Untersuchungen unvollständig. Denn wenn das, was auf
Ihrem Teller liegt, nicht genau die gleiche Menge Kationen wie Anionen
hätte, dann würde es leuchten, qualmen, zischen oder explodieren
... Es wäre chemisch hoch reaktiv. Niemand würde mit der
Gabel drin stochern.
Nur eines wissen wir sicher: Eiweiß besteht aus Aminosäuren
und ist in der Tat eine der Hauptursachen für unsere Säure-Probleme.
Das gilt auch für pflanzliche Eiweiße. Durch den zusätzlichen
Gehalt an Phosphor-und Schwefelsäuren schlagen tierische Eiweiße,
insbesondere Schweinefleisch, allerdings sehr viel mehr zu Buche.
Nun muss man dieserhalb nicht gleich zum Vegetarier werden, aber
der Fleisch-, Fisch-, Milchproduktkonsum sollte sich von der heute
üblichen ,,Eiweißmast” etwas mehr dem Armeleutespeisefahrplan
des vergangenen Jahrhunderts annähern.
Der Zucker, im Stoffwechsel als Glucose verbrannt, wird nur dann
zum Säurebildner, wenn er nicht genügend Sauerstoff für
die Verbrennung zu CO2 vorfindet, also anaerob verbrannt wird. Verbrennung
heißt ja, Kohlenstoff = C zu Kohlendioxid = CO2 zu verwandeln,
indem zwei Sauerstoffatome angelagert werden. Und wenn der Kohlenstoff
die beiden Sauerstoffatome nicht findet, dann nimmt er sie eben
dort her, wo einige Reserven lagern, aus der allbekannten Verbindung
H20, dem Wasser. Jedes „O“, dass aber dem Wasser entnommen
wird, hinterlässt „2 H“, die dann als „H“
aggressiv sauer sind. Jedes verbrannte Kohlenstoffatom hinterlässt
in einem in sich geschlossenen System mit be-grenzten Sauerstoff-
und Wassermengen, wie es Mutter Erde und auch unser Körper
darstellt, vier saure Moleküle. Darum sorgen wir uns weltweit
um den CO2-Ausstoß, der unsere Erde unbewohnbar machen wird,
wenn alle Chinesen, Afrikaner und Lateinamerikaner ebenso viel Auto
fahren wollen, wie wir.
Bei Kreislaufkranken an den
Säure-Basen-Haushalt denken
In unserem Stoffwechsel ist dieses Problem den Sportmedizinern bestens
bekannt. Allzu gern vergessen wir jedoch, dass jeder Geriatrie-Patient,
jeder Asthmatiker, jeder Blutarme, jeder Herz- und Kreislaufkranke
ständig in Sauerstoffnot lebt und sich wie ein Hochleistungssportler
immer an der Obergrenze seiner physiologischen Leistungsfähigkeit
bewegt, anaerob verbrennt und dabei Säure in Form von zusätzlich
leistungsbegrenzender Milchsäure freisetzt. Eine Kreislaufbehandlung
ohne Verbesserung des Säure-Basen--Haushaltes wird immer nur
begrenzte Erfolge zeitigen.
Was für Glucose gilt, gilt allerdings ebenso für andere
Kohlenwasserstoff-Verbindungen wie zum Beispiel ASS und Vitamin
C. Und fraglos stellen die sogenannten “sauren Antiphlogistika”,
die der Verbraucher als ,,Antirheumatika” kennt, ein erhebliches
Säuerungspotenzial.
Was jeder Vegetarier weiß, dass nämlich pflanzliche Nahrung
den Urin alkalisch macht, wussten schon die Ärzte im alten
Arabien, in dem lange vor den Römern und Griechen eine hohe
Medizinkultur herrschte. „Al kali“ heißt die Pflanzenasche.
Die Römer erfanden das Rad dann noch einmal und tauften die
Pflanzenasche Potassium = Pottasche, und so heißt überall
in der Welt unser so lebenswichtiges Mineral Kalium.
Kalium ist im Inneren der Nerven-, Blut und Muskelzellen etwa vierzigmal
höher konzentriert als draußen und hält dadurch
die nervliche Stabilität, das Ruhepotenzial der Nerven aufrecht.
Zu Recht kann man darum sagen “Kalium statt Valium!”.
Fehlt aber im Inneren der Zellen Kalium, dann wandern statt dessen
H+-Ionen hinein, also Säure.
Kalium verdrängt die Säure
Diese intrazelluläre Übersäuerung aber ist die fatalste
Form. Sie wird von der Messsonde des Arztes nicht mehr erkannt,
dringt doch das pH-Meter nie in die Zelle ein, sondern misst nur
das Blutplasma. Und ebenso werden die Messfühler der Niere
ausgetrickst, die einen zu hohen Säurestand im Blutplasma erkennen
und dessen Ausscheidung einleiten sollen.
Diese Form der intrazellulären Übersäuerung wird
weder diagnostiziert noch hilft sich der Körper selbst. Schon
vor dem letzten Krieg haben zwei deutsche Ärzte, Dr. Warburg
und Dr. Seeger, die Zellgärung für eine mögliche
Krebsursache gehalten. Vielleicht hatten sie so unrecht nicht.
Geben wir nun diesen Patienten Kalium, zum Beispiel in Form des
kaliumreichen Getreides, dann wandert das Kalium an seinen Platz,
verdrängt die Säure, die wird wieder messbar, vor allem
aber wieder von der Niere erkannt und ausgeschieden, der Urin wird
sauer, und der Patient gerät in Panik, sollte er sich auf die
Urinteststreifen verlassen. Sie wissen es nun besser: Die nicht
auszurottende These, Getreide würde säuern, ist falsch.
Getreide säuert nicht, es entsäuert. Und genau das wurde
beobachtet, nur leider falsch gedeutet.
Zuviel Säure mit der Nahrung
Damit wären wir auch schon bei der anderen Quelle der Säure-Probleme,
der Ausscheidung. Fest steht, dass wir uns täglich bei unserer
Kostform etwa 100 mmol Säure zu viel zuführen. Die muss
über die Niere wieder raus, eine andere Austrittspforte gibt
es nicht. Weder die Atmung noch der Magen können unsere Säure-Basen-Bilanz
verbessern, wie uns die klugen Lehrbücher der inneren Medizin
vorgaukeln. Sie können zwar kurzfristig den akuten pH-Wert
des Blutes verändern, nicht aber dauerhaft die Bilanz steuern.
An der Niere wirkt das Enzym Carboanhydrase fleißig am Rauswurf
der Säure mit. Ohne Carboanhydrase schläft die Säureausscheidung
fast vollkommen ein. Die Carboanhydrase ist wiederum zinkabhängig.
Ein Zinkmangel macht sie unwirksam und den Patienten sauer. Auch
gibt es eine Gruppe von Entwässerungsmitteln, die nach dem
Prinzip der Carboanhydrasehemmung arbeiten. Statt Säure scheiden
sie Wasser aus. Ich nenne das Teufel mit Beelzebub austreiben.
Urintests:
Keine sinnvolle Aussage
Kaliummangel, Zinkmangel, Diuretika ... alles lässt die Säure
im Körper zurück. Im Urin jedenfalls taucht sie nicht
auf. Drum kann auch der Urin keine sinnvolle Aussage über den
Säure-Basen-Haushalt machen. Auch das haben Sie nun –
wenngleich schmerzhaft – begriffen, dass die ganze Teststreifenpiekserei
im Urin keinen Sinn macht. Ernsthafte Diagnostik muss immer im Blut
erfolgen. Es tut mir ja leid, Ihnen so viel Liebgewordenes auf den
Kopf stellen zu müssen.
Eine Ausnahme wurde schon 1902 in der Literatur beschrieben: Morgens
zum Frühstück einen gestrichenen Esslöffel Natriumbikarbonat
(Natron) schlucken, und dann den Urin bis in den frühen Nachmittag
hinein mit Teststreifen prüfen. Der Basenschub müsste
irgendwann den Urin deutlich ins alkalische hinein verändern.
Tut er das nicht, ist der Patient bereits beträchtlich gestört.
Das Blut nimmt den Esslöffel Base dankbar auf und gibt ihn
um gar keinen Preis wieder her.
Warum nun ist die Säure so schlimm?
Was macht sie Böses?
Es war der Stuttgarter Internist Berthold Kern, der darauf hingewiesen
hat, dass die roten Blutkörperchen größer sind als
der Querschnitt der Haargefäße, durch die sie fließen
müssen. Das geht nur, weil sie sich hütchen-- oder granatförmig
verbiegen. Werden sie jedoch strukturstarr, und eben das macht die
Säure, dann verlieren sie diese Fähigkeit. Die Fließeigenschaft
des Blutes wird schlechter, es gelangt weniger Sauerstoff ans Ziel,
die anaerobe Ver-brennung nimmt zu, es wird Milchsäure gebildet
... ein Teufelskreis, eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz
beißt.
Kern sah darin die alleinige Ursache des Herzinfarktes und des Schlaganfalles,
womit er sicher weit übers Ziel hinaus schoss. Mit seiner Therapie,
allein basische Salze zu geben, hatte er aber immerhin beachtliche
Erfolge.
Strukturstarre, also fehlende Elastizität, ist für kollagenes
Bindegewebe fatal. Bandscheiben, Gelenkknorpel und -kapseln, Sehnen,
Bänder, Muskelhüllen, Herzklappen und vieles mehr ist
solch kollagenes Bindegewebe. Verliert es seine Elastizität
wird es spröde und brüchig und beginnt zu schleißen.
Bandscheibenschäden und Arthrosen sind die Folge. Arthrosen
entstehen zudem aus einem Missverhältnis zwischen Knorpelanbau
und Knorpelabbau. Der Abbau aber wird durch ein saures Milieu beschleunigt.
Antirheumatika keine Lösung
Und was passiert, wenn ein hüftarthrotischer Patient mit schmerzerfüllter
Miene zum Orthopäden humpelt? Mit großer Wahrscheinlichkeit
bekommt er ein Antirheumatikum, also ein saures Antiphlogistikum
verordnet. Für die kurzzeitige Linderung der Schmerzen und
den Entzündungsabbau zahlt er einen hohen Preis, nämlich
die Verschlechterung seiner Knorpelstruktur.
Jede Hausfrau, die samstags die hässlichen Kalkflecken der
Wasserspritzer von den Armaturen ihres Badezimmers entfernt, weiß,
das Säure Calcium auflöst. Genau das passiert auch in
unserem Skelett. Eine dauerhaft säuernde Ernährung mobilisiert
Calcium aus den Knochen, weil nämlich das daran hängende
Phosphat zum Puffern der Säure benötigt wird. Die Osteoporose
ist also nicht nur eine Calciummangelkrankheit, sondern auch ein
Übersäuerungsproblem. Nicht zu vergessen ist der Bewegungs-
und Sonnenlichtmangel. Hinter diesen Ursachen der Osteoporose schrumpft
der angebliche Östrogen-Mangel der Wechseljahre zur Bedeutungslosigkeit.
Sodbrennen und saures Aufstoßen künden vom verzweifelten
Versuch des Blutes, wenigstens vorübergehend etwas Säure
im Magen zwischen zu lagern, um dabei ein paar Basen für die
notwendige Arbeit der Bauchspeicheldrüse zu gewinnen. Wenn
schließlich der Magen anazid wird, also keine Magensäure
mehr bildet, ist das nur ein Zeichen für die totale Erschöpfung
jener Zellen in der Magenwand, die hierfür zuständig sind.
Auch dieser Patient ist im Blut und Gewebe übersäuert.
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Kann er die Säure weder in den Magen abschieben noch über
die Niere ausscheiden, schiebt sein Blut den Feind ins kollagene
Bindegewebe ab, das große Pufferkapazitäten aufweist.
Schließlich aber wird es spröde und brüchig. Es
kann fast als Gesetzmäßigkeit in der Vorgeschichte der
Patienten gelten: Hyperazidität des Magens, Anazidität
und schließlich kommt der Bandscheibenschaden.
Völlig offen bleibt die Frage, wie die zigtausend in unserem
Stoffwechsel aktiven Enzyme auf schleichende Veränderungen
des pH-Wertes in ihrer Umgebung reagieren. Viele der noch unerklärbaren
Befindlichkeitsstörungen, die sich in kein lehrbuchgemäßes
Bild der inneren Medizin pressen lassen, könnten hier ihre
Erklärung finden.
Wie stellt man nun eine Übersäuerung, richtigerweise eine
Minderung der Pufferbasen oder ihrer Kapazität, fest? Das bleibt
Sache des Arztes.
Mit Teststreifen für den Urin ist es nicht getan, wie Sie gesehen
haben. Eine ernsthafte Diagnostik des Säure-Basen-Haushaltes
muss immer im Blut erfolgen. Auch hier stellt sich nicht die Frage
nach dem pH-Wert, sondern nach der Fähigkeit des Blutes, den
pH-Wert in der Norm zu halten, also nach der Pufferkapazität.
Das ist mit dem teuren Blutgasautomaten auf der Intensivstation
möglich, oder mit einem einfachen Titrationsverfahren, an dessen
Entwicklung ich beteiligt sein durfte.
Zum Schluss ein Wort zur Therapie. Ungezählte Entsäuerungssalze
sind am Markt. Die meisten verwenden das preiswerte und leicht zu
verarbeitende Natriumbikarbonat. Damit kann man zwar kurzzeitig
puffern, also die Säure an das Bikarbonat binden und seiner
Aggressivität berauben. Aber sie ist immer noch da und muss
ausgeschieden werden. Die Säure nimmt in diesem Molekül
nun den Platz des Natriums ein, das wiederum freigesetzt wird und
zumindest für Kreislaufpatienten nicht gerade der Weisheit
letzter Schluss ist.
Puffersubstanzen alleine
genügen nicht
Zu einer wirksamen Therapie gehört mehr als nur Puffersubstanzen,
nämlich die Ausscheidung der überschüssigen Säure.
Dazu ist Zink erforderlich. Denken Sie an die Carboanhydrase der
Niere. Um die intrazellulär versteckte Säure überhaupt
erst freizusetzen und der Niere erkennbar zu machen, ist Kalium
erforderlich. Und um die Milchsäure der anaeroben Verbrennung
aus ihrer Stoffwechselsackgasse zu befreien und wieder zu Glucose
zu verstoffwechseln, braucht es das Spurenelement Mangan. Puffernde
Phosphate, Kalium, Zink und Mangan, dies ist alles in einem Mineralstoffpräparat
enthalten, das vor fast dreißig Jahren aus einer Rezeptur
und meiner Praxiserfahrung entstanden ist.
Das wichtigste aber sind nicht irgendwelche Pülverchen oder
Tabletten, sondern die Beseitigung der eigentlichen Ursache, die
den Säure-Basen-Haushalt aus dem Gleichgewicht gebracht hat.
Abstellen von Erkrankungen oder Stoffwechselstörungen, Änderung
der Essgewohnheiten, Überdenken anderer Medikationen –
all’ das ist um etliches wichtiger, als die Tablette, die
immer nur die Notlösung sein kann, mit der das in den Brunnen
gefallene Kind gerettet wird