zurück

 

Umwelt-Zahnmedizin, was ist das?

Sind zahnärztliche Werkstoffe ein Gesundheitsrisiko?

von Dr. med. dent. Norbert Johnsen

 

zum Ende

 

Die moderne Zahnmedizin bietet dem Patienten ein umfangreiches therapeutisches Spektrum an. Zerstörte Zähne können schonend entfernt und z.B. durch Implantate ersetzt werden, die Zahnform und Zahnfarbe kann durch hauchdünne Verblendschalen verbessert werden und vieles mehr. Die Ergebnisse sind bei einer guten Behandlung oft nicht von natürlichen Zähnen zu unterscheiden und verbessern häufig sogar deutlich die Ästhetik und Funktion. Vielen zahnmedizinischen Behandlungen ist jedoch gemein, dass Stoffe unterschiedlichster Art einzeln oder in Kombination dauerhaft in den Mund eingesetzt werden.

Kaum eine andere medizinische Berufsgruppe bringt eine solch große Anzahl verschiedener Materialien in den menschlichen Organismus ein wie die Zahnärzte. Deshalb versteht sich die Umwelt-Zahnmedizin als eine neue ergänzende Spezialisierung zur Umweltmedizin. Im Fokus der Umwelt-Zahnmediziner stehen die ganzheitlich ausgerichtete zahnärztliche Behandlung chronisch kranker Patienten sowie die Anwendung individueller präventiver Behandlungskonzepte. Ziel ist es, chronisch entzündliche Krankheiten – nicht nur im Zahn-, Mund- und Kieferbereich – zu verhindern oder zu lindern.


Warum Umwelt-Zahnmedizin?

Die moderne Medizin beherrscht heute weitestgehend die Seuchen früherer Jahre wie zB. Tuberkulose oder Hepatitis. Dafür nehmen aber die chronischen entzündungsbedingten Krankheiten einen immer höheren Stellenwert ein. Millionen Menschen in Deutschland leiden an chronisch entzündlichen Erkrankungen. Dazu zählen Allergien, Diabetes, Rheuma, Magen-, Darm- oder Schilddrüsenerkrankungen, Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Parodontitis und andere chronische Infektionen, um nur die wichtigsten zu nennen. Entzündungserkrankungen sind die „Epidemie der Moderne“. Die Fortschritte der Hoch-leistungsmedizin haben die Komplikationen der Erkrankungen gemindert, nicht aber deren Häufigkeit. Vor allem bei jüngeren Patienten werden die Diagnosen immer häufiger gestellt. Auch die Allergierate in Deutschland hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt, um nur ein Beispiel zu nennen. Laut Gesundheitsreport des Robert-Koch-Institutes haben bereits 40 Prozent aller Bundesbürger an einer Allergie gelitten.

Warum werden diese Erkrankungen häufiger?

Es ist unbestritten, dass die Entzündung, das heißt die Aktivierung unseres Immunsystems, den Schlüssel nahezu aller systemischen Erkrankungen darstellt, entweder direkt oder indirekt über eine negative Beeinflussung der Immunfunktion oder biochemischer Prozesse. Die Genetik allein erklärt den rasanten Anstieg entzündlicher Erkrankungen nicht. Man weiß heute, dass eine Vielzahl unterschiedlichster Faktoren als Auslöser chronisch entzündlicher Krankheiten bedeutsam ist. In unserer modernen Gesellschaft müssen wir uns immer häufiger mit immer mehr und komplexeren Fremdstoffen auseinandersetzen. Jeder Mensch reagiert aber unterschiedlich auf dieselben Stoffe, die häufig den Entzündungsauslöser darstellen und auf dem Boden genetischer Prädispositionen und biochemischer Veränderungen diese „Volkskrankheiten“ bedingen. Dazu trägt die moderne Medizin leider auch ihren Teil bei. Eingriffe in die biologische Integrität der Menschen sind zur beinahe täglichen Routine geworden. Gemeint sind Fremdmaterialien im Bereich der Zahnmedizin, Orthopädie oder Chirurgie etc.

Diese Entwicklungen bleiben auch für die moderne Zahnmedizin nicht folgenlos.

Fast alle zahnmedizinischen Ersatzmaterialien (u.a. Metalllegierungen, Kunststoffe, Wurzelfüllungsmaterialien, Zemente, Klebstoffe u.a.) stehen täglich ununterbrochen als Fremdstoffe in Kontakt mit dem Immunsystem des Organismus und belasten je nach Art der Substanzen das komplexe Entgiftungssystem des Materialträgers. Fremdmaterialien zwingen das Immunsystem zu reagieren. Bei Toleranz ergeben sich keine Beschwerden. Bei (individueller) Intoleranz induziert das Immunsystem lokale und/oder systemische Abwehrreaktionen unterschiedlicher Art, wie z.B. allergische Sensibilisierungsreaktionen.

Unverträgliche zahnmedizinische Ersatzmaterialien und Störherde, wie z.B. wurzelbehandelte Zähne, können durch Reizimpulse, allergische und entzündliche Prozesse zum Entstehen und Unterhalten von meist chronischen (seltener akuten) Krankheiten führen.

Jedes Material kann somit ein Trigger für chronische Entzündungen sein, denn es geht Wechselwirkungen mit dem Organismus ein. Andererseits werden Zahnärzte aber auch mit der Situation konfrontiert, dass immer mehr Patienten schon an chronisch entzündlichen Erkrankungen leiden. Bei ihnen muss gezielt nach unverträglichen Materialien oder Störfaktoren gesucht werden, um zusätzliche entzündliche Reize zu vermeiden und den bestehenden Erkrankungsprozess zu verschlimmern.
Mit vielen potenziellen Allergenen kommen Patienten im Alltag nur selten und kurzzeitig in Kontakt. Anders ist die Situation, wenn es um Zahnersatz geht. Egal ob Zahnspangen, Kronen oder Brücken, eine teure Kombinationsarbeit oder auch totale Prothesen – diese befinden sich 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr im Mund.

Eine moderne und genaue Analysemethode ist der Lymphozytentransformationstest (LTT).


Bisher war der Nachweis der Typ IV-Sensibilisierung eine Domäne des Epikutantests (ECT). Dieser wurde zur Allergenidentifizierung bei einer Kontaktallergie auf der Haut entwickelt.
Laut einer Empfehlung des Robert-Koch-Institutes vom September 2008 soll nunmehr der LTT bei der Abklärung einer systemischen Sensibilisierung eingesetzt werden. Der LTT wird neben der Austestung von Unverträglichkeitsreaktionen auf verschiedene bereits eingebrachte Dentalmaterialien, vor allem auch präventiv, d.h. zur Feststellung bestehender Sensibilisierungen vor Einbringung eines neuen Materials angewendet.
Bei diesem Test werden im Labor aus einer Blutprobe Immunzellen gewonnen und mit den „verdächtigen“ Metallen, Kunststoffen oder auch anderen Materialien zusammengebracht. Über moderne immunologische Methoden wird gemessen, ob die weißen Blutkörperchen (T-Lymphozyten) auf das entsprechende Material reagieren. Wenn ja, liegt eine Sensibilisierung vor.

Was bedeutet das für den Patienten?

Die umweltzahnmedizinischen Erkenntnisse mit ihren neuen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sind oftmals ein Rettungsanker für den chronisch kranken Patienten. Nach einer eingehenden Befragung zur gesamtgesundheitlichen Situation wird im Mundraum mittels einer gründlichen Untersuchung nach Faktoren gesucht, die über eine toxikologische Dauerbelastung oder eine Immunaktivierung einen entzündlichen Prozess bewirken können. Das können schon so einfache Dinge sein wie verlagerte Weisheitszähne, eine bis dahin unbemerkte chronische Zahnbetterkrankung, bisher nicht entdeckte Entzündungen an Wurzelspitzen, ein oder mehrere wurzeltote Zähne oder ein immunologisch für den Patienten ungeeignetes Füllungs-, Kronen-, Brücken-, Prothesen- oder Implantatmaterial. Aber auch Bindungsmaterialien wie Kleber und Zemente können nicht zu unterschätzende Störfaktoren sein. All das gilt es, über toxikologisches, immunologisches und umweltmedizinisches Fachwissen herauszufinden. Anschließend werden therapeutische Prioritäten gesetzt. So kann vor einer kostenintensiven Neuversorgung mit Zahnersatz eine schon bestehende Sensibilisierung gegenüber Metallen und Kunststoffen ausgeschlossen werden.

Diagnostik allein reicht aber nicht

Wichtig ist auch abzuklären, wodurch das problematische Material ersetzt werden kann. Es muss bereits im Vorfeld festgestellt werden, ob eine Sensibilisierung oder individuelle Unverträglichkeit gegen das neu einzubringende Zahnersatzmaterial vorliegt. Andernfalls besteht die Möglichkeit für den Patienten, vom „Regen in die Traufe zu kommen“. Dabei sind auch die Wechselwirkungen zwischen neuen und alten Materialien zu beachten. Beginnend mit der Planung von neuem Zahnersatz arbeitet der Umwelt-Zahnmediziner mit qualifizierten Zahntechnikern Hand in Hand.

Die Anwendung umweltzahnmedizinischer Kenntnisse bietet dem Patienten Schutz vor Unverträglichkeitsreaktionen durch zahnärztliche Werkstoffe. Allerdings kann kein Test in die Zukunft schauen. Neu auftretende Sensibilisierungen nach dem Einbringen von Zahnersatz sind sehr selten, aber durch nichts und niemanden mit Sicherheit auszuschließen.
Die Umwelt-Zahnmedizin ist somit eine wichtige Bereicherung für chronisch Kranke, aber auch gesunde Menschen, wenn es ihnen nicht ausschließlich um Ästhetik und Funktionalität, sondern auch um eine ganzheitliche zahnmedizinische Behandlung geht.

 

zum Anfang

Nähere Informationen beim Autor:

Dr. med. dent. Norbert Johnsen
Zahnarzt
Thüngersheimer Str. 58
97261 Güntersleben
Telefon: 093 65/34 34
Internet: www.natürlich-gesunde-zähne.de
E-Mail: info@natürlich-gesunde-zähne.de

 

Dieser Artikel ist durch das deutsche Urheberrecht
und internationale Verträge geschützt.
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Copyright Dieter Schmitt

 

Ein Artikel aus dem Lichtstrahl-Magazin.