| Märchen - was sagen sie uns heute? von Angelika Köpf
Viele
Menschen glauben, dass Märchen nur zur Unterhaltung unserer Kinder
dienen. Aber ist dem wirklich so? Viele unserer alten Volksmärchen
sind Überlieferungen, die auf älteste Erfahrungen und Urbilder
zurückgreifen. Sie bieten tiefe Einblicke in den Zusammenhang zwischen
Natur und Sein.
Das Märchen ist der Bruder des Traumes.
Einen
wesentlichen Unterschied zu allen anderen Literaturformen weist
das Märchen durch seine magisch-mythologische Bildsprache auf.
Dazu schrieb C.G. Jung einmal: "Das Märchen ist der große
Bruder des Traumes."
Im Märchen ist jedoch wie im Traum alles, was in ihm vorkommt,
Symbol magisch-mythologische Bildsprache, die erst entschlüsselt
werden will, um verstanden zu werden. So spiegelt
alles, was im Märchen vorkommt, einen Teil des persönlichen
Charakters, der Seele wider. Zum Beispiel ist die Quelle, aus der
getrunken wird, die Quelle in mir und das kann für den einen
die Natur sein, die ihm Kraft gibt, für den anderen die Religion,
für den dritten Gespräche mit lieben Menschen, Bücher,
Musik... Wir alle tragen
sowohl hohe ideale Charakteranteile in uns, im Märchen symbolisiert
durch Prinz, Prinzessin oder den souveränen König, den
Helden; aber auch Neid, Hass, Missgunst, Angst, ausgedrückt
durch das Bild der Hexe, den machtgierigen Zauberer usw.
Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, musste ein armer Junge hinaus gehen und Holz auf einem Schlitten holen. Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bisschen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müsste auch das Schloss dazu sein, grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen. Wenn der Schlüssel nur passt! dachte er. Es sind gewiss kostbare Sachen in dem Kästchen. Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da, endlich entdeckte er eins, aber so klein, dass man es kaum sehen konnte. Er probierte, und der Schlüssel passte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen.
Das Märchen „Der goldene Schlüssel“ aus der Sammlung der Gebr. Grimm gibt uns eine Einführung in das Märchen. Wir brauchen, um es zu verstehen, einen Schlüssel. Unter dem Schnee, im Erdboden ist er verborgen. Er wird von dem armen Jungen in der Wärme der Erde gefunden, als er die erstarrten Schichten weggeräumt hat. Von der notvollen Lage geht hier wie oft im Märchen das wichtige Geschehen aus. Sie ist es, die herausbringt aus Behagen und Alltäglichkeit, und damit für die große Begegnung reif macht. Sie setzt uns Gefahren aus, kann aber auch höchst glückbringend sein. Der Kleine sucht hier nicht nach dem Schlüssel, aber mitten im starken Bemühen fällt er ihm zu. Er schenkt sich ihm. Und dieser Schlüssel ist golden, von erlesener Kostbarkeit. Gold bedeutet im Märchen das Herrliche, das dem Königtum Zustehende oder das aus einer anderen höheren Welt Kommende. Die Märchenwelt geht über die erfahrbare Wirklichkeit weit hinaus. Sie ragt nach oben, wie das Leben überhaupt, in eine Schicht höherer Mächte und nach unten in das Reich der Dämonen. Da wird es so sein, dass der Schlüssel für alles Diesseitige aus jener höheren Welt zu holen ist, die hinter allem steht. Wir müssen hinausgehen wie der arme Junge ins Holz, ihn von dort hereinholen und dann aufmerksam und gehorsam mit ihm verfahren. So gewinnen wir Zugang zu der Welt des Alltags, zur uns umgebenden Wirklichkeit, zum eisernen Kästchen. Es muss uns zu denken geben, dass dies Kästchen nur mit einem goldenen Schlüssel zu öffnen ist, also sich uns nur erschließt mit einer Wirklichkeit aus höherer Ordnung. Und dieser Schlüssel ist zuerst da, wie die ewige Welt vor der vorgehenden. Nur mit Mühe finden wir die kleine Öffnung, in die der Schlüssel passt. Dann heißt es warten. Hier steht schon ein grundlegendes Wort. Die Geduld des Wartenkönnens ist für den Märchenhelden und jeden, der Zugang zu diesen Bereichen finden will, wesentlich. Allmählich entschleiern sich die wunderbaren Sachen mehr und mehr. Dann führt dies Warten in die Schau, in die Erfüllung. Goldener Schlüssel und eisernes Kästchen bezeichnen die beiden Welten, um die es geht: die hintergründige, ganz andere, bedeutende und die vordringliche der sinnenhaften Erfahrung. Zwischen beiden steht der Mensch, spielt sich sein Leben ab. Ist er geöffnet, sieht er, dass wie in der Linie des Horizontes Zeitliches und Ewiges, Göttliches und Menschliches zusammenfließen und dass die Dinge des Diesseits nur vom Jenseits her ihren Sinn erhalten. Schon hier tritt uns der Glaube an die tiefe Einheit der Welten entgegen. In der warmen Erde ist der goldene Schlüssel verborgen; sie ist die vom Ewigen durchleuchtete Wirklichkeit.
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Ein
Artikel aus dem Lichtstrahl-Magazin. |