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Märchen -

was sagen sie uns heute?

von Angelika Köpf

 

Viele Menschen glauben, dass Märchen nur zur Unterhaltung unserer Kinder dienen. Aber ist dem wirklich so? Viele unserer alten Volksmärchen sind Überlieferungen, die auf älteste Erfahrungen und Urbilder zurückgreifen. Sie bieten tiefe Einblicke in den Zusammenhang zwischen Natur und Sein.
Wenn hier von Märchen die Rede ist, so sind die alten Volksmärchen gemeint, die von so genannten Kunstmärchen verschieden sind. Volksmärchen und Kunstmärchen unterscheiden sich darin, dass Kunstmärchen ganz klar einen Autor aufweisen, während wir bei den Volksmärchen keine Autoren, sondern nur eine Bezeichnung wie "Gesammelt durch die Gebr. Grimm" finden (es gibt natürlich auch noch andere Märchensammler, jedoch sind die Gebr. Grimm als Quelle für Volksmärchen am bekanntesten).

So ist trotz vieler Vermutungen nicht bekannt, wann diese Märchen entstanden sind, wer sie geschrieben hat, woher sie stammen. Jahrhunderte haben sie im Volk mündlich weitergelebt, bis die Gebr. Grimm sie sammelten und als eine genaue Überlieferung dessen, was ihnen erzählt wurde, aufschrieben.

Ein weiteres Merkmal der Volksmärchen sind ihre kurzen, knappen Handlungen. Das Volksmärchen verzichtet auf emotionale Ausschmückungen oder detaillierte Beschreibungen von Gebäuden, Personen, Landschaften usw. Das heißt am Beispiel von Rotkäppchen, dass nicht beschrieben wird, wie der Wolf aussieht und wie groß er ist; oder wie sich die böse Hexe in Hänsel und Gretel fühlt, als sie verbrennt, warum es kein Essen im Elternhaus mehr gibt usw. usf.

All dies wird im Volksmärchen nicht erwähnt. Jedem bleibt es somit beim Zuhören selbst überlassen, wie schön oder schrecklich er sich die Dinge ausmalt.

 

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Das Märchen ist der Bruder des Traumes.

 

Einen wesentlichen Unterschied zu allen anderen Literaturformen weist das Märchen durch seine magisch-mythologische Bildsprache auf. Dazu schrieb C.G. Jung einmal: "Das Märchen ist der große Bruder des Traumes."
Wenn wir uns auf das Märchen einlassen so stellen wir fest, dass es uns wie mit den Träumen geht, dass Dinge, die im Märchen vorkommen, uns oft grotesk, irreal und phantastisch erscheinen, mit unserer angeblichen "Realität" nichts zu tun haben.

Im Märchen ist jedoch wie im Traum alles, was in ihm vorkommt, Symbol magisch-mythologische Bildsprache, die erst entschlüsselt werden will, um verstanden zu werden.
Das Märchen spricht Urthemen der Menschheit an, die heute noch genauso aktuell sind wie vor 2000 Jahren. Damals wie heute wollen die Menschen ihren Charakter veredeln, Existenzängste überwinden, sich  körperlich, geistig, seelisch weiterentwickeln.

So spiegelt alles, was im Märchen vorkommt, einen Teil des persönlichen Charakters, der Seele wider. Zum Beispiel ist die Quelle, aus der getrunken wird, die Quelle in mir und das kann für den einen die Natur sein, die ihm Kraft gibt, für den anderen die Religion, für den dritten Gespräche mit lieben Menschen, Bücher, Musik...

Wir alle tragen sowohl hohe ideale Charakteranteile in uns, im Märchen symbolisiert durch Prinz, Prinzessin oder den souveränen König, den Helden; aber auch Neid, Hass, Missgunst, Angst, ausgedrückt durch das Bild der Hexe, den machtgierigen Zauberer usw.
So finden wir im Traum, im Unterbewusstsein und im Märchen die gleiche Ebene der Sprache wieder. Das heißt, das Märchen hat durch seine magisch-mythologische Bildsprache direkten Zugang zu unserem Unterbewusstsein. Es geht durch den Verstand, der es nicht fassen kann, hindurch direkt ins Unbewusste hinein. Und wenn wir als Kind immer wieder das gleiche Märchen hören wollten, dann können wir davon ausgehen, dass irgendetwas in diesem Märchen steckte, das genau zu dem passte, was uns unbewusst gerade beschäftigte.
Ein Kind hat, im Gegensatz zu uns Erwachsenen, die Fähigkeit, das Märchen dort wirken zu lassen, wo es hingehört - nämlich im Unbewussten. Es lässt das Märchen in sich hinein sinken und will/kann es nicht wie wir intellektuell erfassen. Wir Erwachsene haben leider meist den Zugang zu solchen Seelenbildern verloren und ziehen die Märchenbilder auf die realistische Tagesebene. Wir meinen, sie wären grausam, da wir meinen, es seien historische Ereignisse. So sind es auch Realitäten, jedoch keine Tagesrealitäten, sondern Seelenrealitäten, deren Verstehen uns, wie bei unseren Träumen, meist verwehrt bleibt.

Hier noch ein Zitat von Thorwald Detlefsen:
" Würde die Tradition der Märchenerzähler, die durch Gasthäuser, Dörfer ... zogen und Märchen erzählten, heute noch bestehen und die Menschen genügend mit heilenden, kraftgebenden Bildern versorgt werden, dann wäre das Berufsbild des Psychologen und Psychoanalytikers überflüssig.

Die Menschen waren so mit heilenden Bildern versorgt, dass die Seele sich selbst heilen konnte. So wie der Körper nach Nahrung verlangt, so verlangt auch die Seele nach heilenden Bildern als Nahrung. Diese Bilder gibt das Märchen, ebenfalls die Mythen, Sagen und Legenden der Völker."

Hier ein Beispiel für die Sprache der Märchen, zitiert aus dem Buch "Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen"; Ausgabe 1949:
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Der Goldene Schlüssel

Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, musste ein armer Junge hinaus gehen und Holz auf einem Schlitten holen. Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bisschen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müsste auch das Schloss dazu sein, grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen. Wenn der Schlüssel nur passt! dachte er. Es sind gewiss kostbare Sachen in dem Kästchen. Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da, endlich entdeckte er eins, aber so klein, dass man es kaum sehen konnte. Er probierte, und der Schlüssel passte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen.

Die Engelkarten und ein Begleitbuch mit dem Titel: "Die goldenen Schlüssel zum Glück"

finden Sie
hier

Das Märchen „Der goldene Schlüssel“ aus der Sammlung der Gebr. Grimm gibt uns eine Einführung in das Märchen. Wir brauchen, um es zu verstehen, einen Schlüssel. Unter dem Schnee, im Erdboden ist er verborgen. Er wird von dem armen Jungen in der Wärme der Erde gefunden, als er die erstarrten Schichten weggeräumt hat. Von der notvollen Lage geht hier wie oft im Märchen das wichtige Geschehen aus. Sie ist es, die herausbringt aus Behagen und Alltäglichkeit, und damit für die große Begegnung reif macht. Sie setzt uns Gefahren aus, kann aber auch höchst glückbringend sein. Der Kleine sucht hier nicht nach dem Schlüssel, aber mitten im starken Bemühen fällt er ihm zu. Er schenkt sich ihm. Und dieser Schlüssel ist golden, von erlesener Kostbarkeit. Gold bedeutet im Märchen das Herrliche, das dem Königtum Zustehende oder das aus einer anderen höheren Welt Kommende. Die Märchenwelt geht über die erfahrbare Wirklichkeit weit hinaus. Sie ragt nach oben, wie das Leben überhaupt, in eine Schicht höherer Mächte und nach unten in das Reich der Dämonen. Da wird es so sein, dass der Schlüssel für alles Diesseitige aus jener höheren Welt zu holen ist, die hinter allem steht. Wir müssen hinausgehen wie der arme Junge ins Holz, ihn von dort hereinholen und dann aufmerksam und gehorsam mit ihm verfahren. So gewinnen wir Zugang zu der Welt des Alltags, zur uns umgebenden Wirklichkeit, zum eisernen Kästchen. Es muss uns zu denken geben, dass dies Kästchen nur mit einem goldenen Schlüssel zu öffnen ist, also sich uns nur erschließt mit einer Wirklichkeit aus höherer Ordnung. Und dieser Schlüssel ist zuerst da, wie die ewige Welt vor der vorgehenden. Nur mit Mühe finden wir die kleine Öffnung, in die der Schlüssel passt. Dann heißt es warten. Hier steht schon ein grundlegendes Wort. Die Geduld des Wartenkönnens ist für den Märchenhelden und jeden, der Zugang zu diesen Bereichen finden will, wesentlich. Allmählich entschleiern sich die wunderbaren Sachen mehr und mehr. Dann führt dies Warten in die Schau, in die Erfüllung. Goldener Schlüssel und eisernes Kästchen bezeichnen die beiden Welten, um die es geht: die hintergründige, ganz andere, bedeutende und die vordringliche der sinnenhaften Erfahrung. Zwischen beiden steht der Mensch, spielt sich sein Leben ab. Ist er geöffnet, sieht er, dass wie in der Linie des Horizontes Zeitliches und Ewiges, Göttliches und Menschliches zusammenfließen und dass die Dinge des Diesseits nur vom Jenseits her ihren Sinn erhalten. Schon hier tritt uns der Glaube an die tiefe Einheit der Welten entgegen. In der warmen Erde ist der goldene Schlüssel verborgen; sie ist die vom Ewigen durchleuchtete Wirklichkeit.

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Copyright 2000 – 2007 Dieter Schmitt

 

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Ein Artikel aus dem Lichtstrahl-Magazin.