Leseprobe:

Die Regentin

von Raimund Chitwood


ISBN 978-3-930403-22-6

 


... Die Sehnsucht nach meiner Freundin wurde immer größer, was mir für mein Saufen zu Gute kam. Ich hatte eine handfeste Begründung dafür, was auch jeder in meinem Umfeld verstehen konnte. Ich genoss die Mitleidstour und das Mitgefühl der anderen.
Meine Großmutter und Mutter stritten sich häufig über das Verständnis oder Nichtverständnis meines Trinkverhaltens, doch in der Zeit, in der ich meiner Freundin nachweinte, waren sie sich einig. Sie konnten mein Trin-ken verstehen. Ich hatte jetzt wenigstens zu Hause meine Ruhe. Mich wunderte, dass man größtenteils auch meiner Freundin die Schuld gab, dass ich jetzt so viel trinke.
Jetzt hatte ich schon morgens das Problem trinken zu müssen, und der erste Schluck wollte nicht drinnen bleiben. Ich wäre ein schlechter Trinker gewesen, wenn ich mir da nicht zu helfen gewusst hätte. Nach langem Experimentieren bekam ich raus, was da am besten für mich war. Ich stellte ein Glas Alkohol auf die Ablage des Küchenschrankes, der Geruch ließ mich oftmals kotzen. Oft war es aber nur ein Würgen. Manchmal hatte ich die Befürchtung, meine Innereien würden raus kommen. Ich lief, nachdem ich das Glas Alkohol auf dem Küchentisch abstellte, erst mal auf und ab, um meinen Magen zu beruhigen. Vor dem trockenen Kotzen hatte ich einen mächtigen Respekt. Das Zittern der Hände war am Mor-gen schon schlimm genug. Stören tat es mich nicht besonders, es hörte ja wieder auf nachdem ich den ersten Schluck Alkohol in mir hatte. Was mich beunruhigte, ich hatte das Zittern der Hände mit einem Penner in Verbindung gebracht, der ich nicht war und auch nicht sein wollte.
Es waren noch schöne Zeiten, in denen ich die Bierflasche am Bett stehen hatte, um beim Aufstehen gleich einen Schluck nehmen zu können und es ging mir danach sofort besser. Die Zeiten waren vorbei. Jetzt musste ich um den Küchenschrank schleichen und den richtigen Zeitpunkt abwarten, damit der erste Schluck auch drinnen blieb.
Ich wachte eines Nachts auf, ohne einen bestimmten Grund zu haben. Ich lag im Bett und machte mir Gedanken. Ich musste jetzt was tun, damit ich aufhörte zu trinken. Meine Gedanken kreisten nur um das Aufhören. Ich stand aus dem Bett auf und ging meine Großmutter wecken. Ich weinte und ich bat sie, mir zu helfen. Sie wusste genauso wenig Rat, wie und was sollte sie auch tun. Sie stand auch aus dem Bett auf und überlegte. Ir-gendwann meinte sie, es wäre das Beste, wenn ich eingewiesen würde und weinte dabei. Jetzt weinten wir beide um die Wette.
Mein Großmutter war eine starke Frau. Schwächen kannte sie nicht, zumindest zeigte sie diese nicht. Und jetzt weinte sie und sie versprach mir, wir werden es schaffen. In mir waren jetzt Gefühle wach, die mir Mut machten, die Sache durchzustehen. Was auch kommen mag, ich würde jetzt aufhören zu saufen. Ich fing gleich damit an. Ich kannte mein zweites Ich zu gut, um zu wissen, dass ich es mir - wie so oft schon - anders überlegen würde. Um dem vorzubauen, bat ich meine Großmutter, mich zu fesseln, damit ich nicht doch noch meine Meinung ändere, denn es waren noch ein paar Stunden hin, bis die Nacht vorüber war. Sie tat es und fand die Idee nicht mal so schlecht. Erstens, es zeigte ihr meinen Willen, es ernsthaft anzugehen mit dem Saufen aufzuhören und zweitens war die Idee mit dem Fesseln, weil sie mich ja kannte, sie wusste wie schnell ich in Bezug auf den Alkohol meine Meinung ändern konnte, nur zu gut. Sie fesselte mich und ging wieder schlafen, ich bemerkte im Halbschlaf, dass sie ab und zu nach mir sah
.....


ISBN 3-930403-22-6 (alt)
ISBN 978-3-930403-22-6

 

Titelbild von Ulrike Hügelschäffer

www.studio-leuchtkraft.de

Raimund Chitwood

zum Anfang

Büchermarkt