... Während im vorhergehenden 11. Lebensjahrsiebent
die Aufmerksamkeit der Betroffenen vorwiegend nach rückwärts
gewandt war, wobei der bisher zurückgelegte Lebensweg
einer selbstkritischen Bewertung unterzogen wurde und hier
und da, das Ergebnis dieser „Lebensernte“ ergänzt
werden konnte, so wendet sich nun die Gedanken- und Blickrichtung
nach vorne. Körperliche Beschwerden einerseits und die
Ungewißheit der Zukunft andererseits beschäftigen
den immer mehr, in sich zurückziehenden, vereinsamenden
Greis. Wohl gibt es auch Menschen, die bei diesem hohen Alter
sich noch einer beneidenswerten körperlichen Vitalität,
bei geistiger Frische erfreuen, doch sind das meistens leider
nur Ausnahmefälle.
Ernst Moritz Arndt schreibt in einem seiner Gedichte:
„Trage frisch des Lebens Bürde, Arbeit heißt
des Mannes Würde, kurzer Bach fließt Erdenleid,
langer Strom die Ewigkeit.“
Allgemein bekannt ist Psalm 90.10: „Unser Leben währet
siebenzig Jahr, und wenn es hochkommt so sind’s achtzig,
und wenn’s köstlich gewesen, so ist’s Müh
und Arbeit gewesen; denn es fährt dahin, als flogen wir
davon.“
Wilhelm Freiherr von Humboldt schrieb in Briefen an eine Freundin
drei bemerkenswerte Zitate, die im Folgenden gebracht werden
sollen:
– „Das Leben ist dem Menschen von Gott gegeben,
um es auf eine ihm wohlgefällige, pflichtgemäße
Weise anzuwenden und im Bewußtsein dieser Anwendung zu
genießen.“
– „Um des Lebens willen ist man doch auf der Welt,
und nur, was man in seinem Gemüt durch das Leben errungen
hat, nimmt man mit hinweg.“ Er meinte:
- „Leben wir allein für dieses Leben, so sind wir
die elendesten aller erschaffenen Wesen.“ Da pflichtet
ihm auch Johann Peter Eckermann in seinen „Gesprächen
mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens“ bei,
wenn er behauptet: „Ich möchte mit Lorenzo von Medici
sagen, daß alle diejenigen, auch für dieses Leben
tot sind, die kein anderes hoffen.“
Goethes diesbezügliche Einstellung entnehmen wir dem folgenden
Zitat: „Mich läßt der Gedanke an den Tod in
völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung,
daß unser Geist ein Wesen ist ganz unzerstörbarer
Natur; es ist Fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit, es ist
der Sonne ähnlich, die bloß unseren irdischen Augen
unterzugehen scheint, die aber eigentlich nie untergeht, sondern
unaufhörlich fortleuchtet.“
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